Kamtschatka: zum Vulkan Modor

Reportage von Marc Szeglat

Lange überlegten die Vulkanauten Richard, Martin und Marc wann sie ihre Reise nach Kamtschatka antreten sollten. Bereits seit dem Frühjahr tendierten wir Richtung Herbst, doch aufgrund der aufwendigen Visa-Beschaffung stellte sich eine gewisse Unlust ein. Doch mit Beginn der Eruption am Klyuchevskoy änderte sich dieses. Als die Stärke der Eruption zunahm wirkte dies wie ein regelrechter Motivationsschub und wir setzten alle Hebel in Bewegung. Am 14.Oktober war es dann soweit. Die beiden Münchner trafen in Moskau den Oberhausener und gemeinsam ging es mit dem Aeroflot-Flieger Richtung Petropawlowsk.

Aleksey, unser Fahrer und Guide erwartete uns am Flughafen und wir brachen sofort auf um Lebensmittel einkaufen zu fahren. Die Hauptstadt Kamtschatkas ist eine regelrechte boom Town. Hier gibt es alles was das Herz begehrt; Verkehrsstau zur Rushhour inklusive. Am Hafen von Petropawlowsk kehrten wir in ein Restaurant ein und mussten feststellen, dass man ohne russische Sprachkenntnisse nicht wirklich weiter kommt. Am späten Nachmittag brachen wir dann auf Richtung Zentralkamtschatka.

Am Folgetag erreichten wir unser erstes Etappenziel: die Brücke über den Kamchatka-River in der Nähe der Ortschaft Kozyrewsk. Von hier aus hat man eine gute Übersicht über die Vulkane Zentralkamtschatkas. Obwohl uns noch fast 60 km Luftlinie vom Klyuchevskoy trennten, war die hoch aufsteigende Aschewolke nicht zu übersehen. Dank der ungewöhnlichen Windstille stieg die Eruptionswolke fast senkrecht auf. Wir bauten unser Tipi am Flussufer auf und warteten auf die Dämmerung. Mit abnehmender Helligkeit wurde die Rotglut der Lava am Vulkan sichtbar. Ein großer Lavastrom schlängelte sich die Südflanke des Vulkans hinab. Von dessen Fuß stiegen Dampfwolken auf. Wahrscheinlich reagierte Schmelzwasser mit der Lava. Spuren eines 2. Eruptionszentrums, das sich vor wenigen Tagen auf dem Sattel zum Nachbarvulkan Kamen gebildet haben sollte, konnten wir nicht einwandfrei identifizieren.

Am folgenden Tag wollten wir uns dem Vulkan weiter nähern. Aleksey manövrierte seinen geländegängigen Mitsubishi-Bus über einen schmalen Forstweg. Steigungen und Schlammpassagen erschwerten das Vorankommen. Unser Ziel war eine Hütte in einem Hochtal zwischen den Vulkanen Zentralkamtschatkas. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf die Vulkane Tolbatschik, Ushkovsky, Bezyminanny, Kamen und Klyuchevskoy. Allerdings nur an klaren Tagen. Jetzt war es bewölkt und es schneite leicht. Also bezogen wir die einfache Hütte, die allerdings keinen Ofen hatte. Dafür prangte an einer Wand ein großes Poster von Präsident Putin. Big Brother is watching you.

Zur Blauen Stunde fuhr uns Aleksey noch gut 5 km näher an den Klyuchevskoy heran und wir standen auf einer menschenleeren Hochebene. Nach einiger Wartezeit lichteten sich die Wolken wie ein Theatervorhang und gaben den Blick auf den aktiven Vulkan frei. Uns bot sich ein Blick in ein Szenario aus Feuer, Schnee und Dampf. Unwirklich illuminierte glühende Lava die Eruptionswolke und den Dampf, der von der Lavafront aufstieg. Der Krater des Vulkans schickte Feuergaben mehrere 100 Meter hoch in den Nachthimmel. Nach einer knappen Stunde schloss sich der Wolkenvorhang wieder und sollte für die nächsten 2 Tage auch geschlossen bleiben. Ein Schneesturm zog auf.

Wir machten es uns in unserer Hütte so bequem wie möglich, so bequem, wie es bei minus 7 Grad Innentemperatur möglich ist. Der Sturm drückte Schnee durch Ritzen in der Hütte und selbst Genosse Putin fröstelte es auf seinem Poster. Unsere Vorräte gefroren und waren unter Schnee bedeckt. Immer wieder hörten wir über den Sturm das Donnergrollen des Vulkans. Besonders heftige Explosionen ließen die Scheiben der Hütte vibrieren. Wohl bemerkt, die Hütte steht in gut 20 km Entfernung zum Klyuchevskoy.

Als der Sturm nachgelassen hatte fuhren wir wieder über unwegsames Gelände Richtung Klyuchevskoy. Aleksey manövrierte den Bus mit großem Geschick über das Hochland, konnte trotzdem nicht verhindern, dass wir in einer Schneewehe stecken blieben. Da half dann nur noch fröhliches Schaufeln! Wenig weiter stoppten wir die Fahrt ins Ungewisse und marschierten auf eine Anhöhe, als plötzlich die Wolken aufrissen und einen kurzen Blick auf den Vulkan freigaben. Wir waren tatsächlich ein gutes Stück näher dran, als zuvor. Die Aschewolke stieg hoch in den Himmel, der Lavastrom erreichte den Sattel zum Kamen und ein Debris flow manifestierte sich neben dem Lavastrom. Doch wie es so mit Wolkenlöchern ist, es war recht kurzlebig und nach wenigen Minuten standen wir wieder im „white out“. Also zurück zum Wagen und zur Hütte.

Es war so gegen 23 Uhr und ich hatte mich gerade in den Schlafsack gekuschelt, als Aleksey in die Hütte gestürmt kam: „Hey Guys, the volcano is free and completly covert by lava bombs“. Also, wieder raus aus dem Sack und rein in die Kälte. Im Windschatten der Hütte bauten wir unsere Kameras auf und fotografierten, was das Zeug hielt. Die Aktivität hatte sich geändert. Die Explosionen waren stärker geworden, dafür versiegte der Lavastrom. Nicht unbedingt ein gutes Omen. Tatsächlich glühten auf dem gesamten Vulkanhang rote Punkte. Die Hütte lag auf gut 1100 m Höhe und der Vulkankegel überragte unsere Position um 3700 m. Das ist noch deutlich höher als der Ätna. Die Lavabomben flogen tatsächlich viele Kilometer weit und krachten ca. 3000 m unterhalb des Kraters auf die Vulkanflanke. Die Lavafontäne stieg mehr als 1000 m hoch auf. Einzelne Bomben stiegen weitaus höher. Es war eine der stärksten Eruptionen, die ich bisher beobachtet habe.

Lange vor der Morgendämmerung wühlten wir uns mit dem Bus wieder durchs Gelände um die Distanz zum Vulkan zu verringern. Die Eruption verlor deutlich an Kraft und die Lavafontäne schrumpfte auf gewohntes Niveau. Die Aschesäule wurde vom Wind verdriftet. Der Lavastrom war komplett versiegt und mir dünkte das nahende Ende der Eruption. Zur Blauen Stunde bot sich uns noch ein schöner Blick über die verschneite Landschaft auf den Vulkan. Doch bei ca. minus 12 Grad war das stundenlange Ansitzen wenig spaßig.

Morgens erhielt Aleksey die Nachricht, dass der Shiveluch Aschewolken erzeugt hatte, die mehr als 10 km hoch aufstiegen. Nach einem kurzen Kriegsrat beschlossen wir unser Lager am Klyuchevskoy vorzeitig abzubrechen und zum Shiveluch zu fahren. Diesen erreichten wir erst am frühen Abend mit einsetzender Dunkelheit. Vom weiten sahen wir noch strombolianische Aktivität am Klyuchevskoy. Am Shiveluch schien alles ruhig. Nicht nur das, hier war das Wetter deutlich schlechter, als am Nachbarvulkan. Wir fuhren ein paar Kilometer weit in die verwüstete Landschaft am Fuße des Shiveluch herein und bauten unser Camp auf. Die Verwüstungen wurden von pyroklastischen Strömen und Lahare verursacht, die vom Domvulkan ausgingen. Auch jetzt war es theoretisch möglich, dass ein großer pyroklastischer Strom entstand, doch die Wahrscheinlichkeit hierfür war recht gering.

Am nächsten Tag war das Wetter nicht wesentlich besser, trotzdem versuchten wir dem Dom etwas mehr auf die Pelle zu rücken. Aleksey, der gerne bis ans Limit fährt versenkte den Wagen mal wieder in ein Schneeloch. Doch diesmal war das Fahrwerk so verschränkt, dass selbst Aleksey um seinen Wagen bangte. Mit Richard als Gegengewicht gelang es schließlich, den Wagen aus seiner misslichen Lage zu befreien; Gott sei Dank ohne größere Beschädigungen. Das Wetter kippte und wir beschlossen mal wieder umzukehren und den Schneesturm im Zelt auszusitzen. Die nächsten Tage verbrachten wir um Wesentlichen damit, auf klare Sicht zu warten. Wir unternahmen eine Wanderung, die uns bis auf 5 km an den Dom heranführte, allerdings ohne Sicht auf diesen. Nur Nacht gab es sporadische Wolkenlöcher, die wir zum Fotografieren nutzten. Richard und Martin bewiesen da besondere Hartnäckigkeit und standen den größten Teil der Nächte hinter den Kameras. Ich war da ein weniger verbissen und machte es mir gerne im Schlafsack bequem. Die Chancen auf einen größeren Ausbruch in wolkenfreien Momenten erschienen mir recht gering. Die glühenden Schuttlawinen, die gelegentlich vom Dom abgingen waren mit bloßem Auge kaum zu sehen.

Nach 4 Nächten am Shiveluch begannen wir mit der Rückfahrt nach Petropawlowsk. Kurz vor der Stadt ereilte uns die Nachricht, dass ein weiterer Vulkan ausgebrochen war. Zhupanovsky war von der Küste bei Petropawlowsk sichtbar und am Morgen unseres Heimfluges erhaschten wir noch einen Blick auf diesen Feuerspeier, doch mehr als ein paar dampfende Fumarolen waren nicht mehr sichtbar.

Am kleinen Flughafen von Petropawlowsk erlebten wir dann noch ein kleines Kuriosum: unser Gepäck wurde zwar beim Betreten des Flughafens geröntgt, aber wir nahmen Handgepäck und Hauptgepäck vor dem „check in“ wieder in Empfang. Es wäre ein leichtes Gewesen gefährliche Gegenstände (wie z.B. meine Machete) vom Hauptgepäck ins Handgepäck zu packen: Sicherheit in Zeiten des Terrorismus stelle ich mir irgendwie anders vor.