Ätna: Weitere Erdbeben unter dem Vulkan

flankeneruption
Ätna Flankeneruption in 2001. © Marc Szeglat

Weitere Erdbeben erschüttern Ätna – stärkste Erschütterung Mb 2,6

Wenn die Erde am Ätna spürbar bebt und sogar Schäden entstehen, ist das oft ein Anzeichen dafür, dass sich der Vulkan auf eine intensivere Eruptionsphase vorbereitet. Hierbei kann es sich um Eruptionen handeln, die sich auf den Gipfelbereich mit seinen 4 Hauptkratern beschränken, oder um Subterminal-Eruptionen, bei denen sich Spalten im Gipfelbereich, aber unterhalb der Krater, öffnen. Vergleichsweise selten sind echte Flankeneruptionen, bei denen einer der mächtigsten Vulkane Festlandeuropas aufzuplatzen pflegt wie eine reife Tomate. Das sind in der Regel die zerstörerischen Ausbrüche, bei denen Ortschaften gefährdet werden können. Zum Glück für die Anwohner des Ätnas sind solche Ausbrüche mehr als 20 Jahre her. Als Vulkanfilmer und Journalist erlebte ich die beiden Ausbrüche von 2001 und 2002/03 mit und dachte damals nicht, dass das die letzten großen Eruptionen für mehrere Jahrzehnte sein würden, die ich am Ätna vor die Linse kriegen sollte.



cluster
Ätna. © INGV

Das aktuelle Schwarmbeben mit mehr als 100 Erschütterungen mit Magnituden zwischen 4,5 und 0,8 deutet meiner Meinung nach darauf hin, dass eine größere „Magmablase“ aufsteigt und den Druck im flachen Speichersystem des Vulkans deutlich erhöht. Für diesen Umstand spricht, dass es gut 6 Stunden nach dem stärksten Erdbeben am 4. Februar eine kurze, aber kräftige Ascheeruption aus dem Zentralkrater gab. Will man wissenschaftlich korrekt sein, muss man eingestehen, dass es nur ein zeitlicher Zufall gewesen sein kann. Da es aber mehrere Wochen lang keine vergleichbare Aktivität am Ätna gegeben hat, glaube ich nicht daran. Auffällig sind auch die vergleichsweisen starken Tremorschwankungen, die andeuten, dass sich Magma unter dem Vulkan bewegt und offenbar bereits versucht auszubrechen. Doch bei diesem Magma wird es sich nicht um die Magmablase handeln, die gerade aufsteigt und die Beben auslöste, sondern um die Schmelze, die bereits unmittelbar unter dem Kraterkomplex steht, sich dort im Laufe der letzten Wochen angesammelt hat und nun auf die Druckerhöhung im Fördersystem reagiert.

Gestern gab es weitere Erdbeben, von denen das stärkste eine Magnitude von 2,6 hatte und sich in dem gleichen Areal zwischen Biancavilla und Raglana zutrug wie der zuvor beschriebene Erdbebenschwarm. Bis auf das Beben Mb 4,5, das in nahezu Echtzeit auf der INGV-Shakemap erschien, wurden die restlichen Erschütterungen erst gestern nachgereicht Warum das INGV eine mindestens 24-stündige Verzögerung in der Veröffentlichung seiner Erdbebendaten in eine Grafik einbaut, die einst damit beworben wurde, in nahezu Echtzeit zu arbeiten, kann ich mir zwar denken, wird aber wohl nie offiziell kommuniziert werden.

Unter den Umständen signifikant erhöhter Seismizität scheint es geradezu rätselhaft zu sein, warum ausgerechnet diese Woche kein Bulletin erschien. Vermutlich, weil Ätna 8 Wochen keine Eruption mehr zeigte. Dieses turnusmäßige Aussetzen der Berichte fällt oft in einen zeitlichen Rahmen, in dem sich Ätna dann doch wieder durch besondere Aktionen zurückmeldet, und stößt bei mir auf wenig Verständnis: Auch in ruhigeren Zeiten sollte das INGV-Catania, das über mehr als 100 Mitarbeiter verfügt, genug Kapazitäten haben, um ein wöchentliches Bulletin am Laufen zu halten, insbesondere, da man ja nicht immer alles neu formulieren muss, sondern nur die aktuellen Messwerte in den immer gleichen Text eintragen kann.

Übrigens gehe ich davon aus, dass es noch eine große Anzahl an Mikrobeben mit Magnituden unter 0,8 gegeben haben wird. Eine KI-Auswertung könnte auch hier Tausende Erschütterungen nachweisen. Mit den Daten ließe sich bestimmt ein schönes 3-D-Modell des Untergrunds erstellen und die Spur des Magmas nachvollziehen.

Die aktuellen Vorgänge entsprechen dem, was ich bereits vermutete, als Ende letzten Jahres die tiefen Beben im Nordwesten des Vulkans auftraten: Schon vor früheren intensiven Eruptionsphasen manifestierten sich zuerst dort tiefe Beben, denen nach einigen Wochen mehrere Phasen flacherer Beben in der aktuellen Region im Südwesten folgten. Als Nächstes werden wir Erdbebenserien im Osten des Vulkans sehen, wenn die dortigen Störungszonen aufgrund des Magmenaufstiegs aktiviert werden. Stärkere Beben entlang der Pernicana-Störungszone im Norden folgen für gewöhnlich relativ kurz vor einer größeren Eruption. Ob dies gleich eine Flankeneruption sei einmal dahingestellt. Wahrscheinlicher ist eine neue Phase intensiver Gipfeltätigkeit, vielleicht sogar mit paroxysmalen Eruptionen.