Wiederkehrende Flutkatastrophen verschärfen humanitäre Krise in Afghanistan – 28 Todesopfer durch Naturkatastrophe
In Afghanistan führte erneuter Starkregen zu Überflutungen in denen mindestens 28 Menschen aus 17 Provinzen ihr Leben verloren. Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Das Land erlebt im Frühjahr 2026 eine Serie schwerer Überschwemmungen, die große Teile des Landes betreffen und eine ohnehin fragile humanitäre Lage weiter verschärfen. Seit Ende März haben intensive Regenfälle zu Sturzfluten und Erdrutschen geführt, die vielerorts die Infrastruktur zum Kollabieren brachte. Innerhalb weniger Wochen wurden Dutzende Menschen getötet, tausende Häuser beschädigt oder zerstört und ganze Gemeinden zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten.
Besonders betroffen sind westliche und zentrale Provinzen wie Herat, Badghis, Parwan und Daikundi sowie östliche Gebirgsregionen. In mehreren aufeinanderfolgenden Ereignissen kam es zu wiederholten Schadenswellen: Während einzelne Flutphasen zwischen 17 und 30 Todesopfer forderten, summieren sich die Opferzahlen über die gesamte Ereignisserie inzwischen auf deutlich über 70 Tote und tausende betroffene Familien.
Die hydrologischen und geographischen Bedingungen des Landes spielen eine wichtige Rolle bei diesen Überflutungen, denn sie verschärfen oft die Intensität der Ereignisse. Afghanistan ist überwiegend gebirgig, mit steilen Hanglagen und tief eingeschnittenen Tälern. Diese Morphologie begünstigt, dass das Regenwasser schnell oberflächlich abgeführt wird. Es kann kaum versickern und sammelt sich rasch in Bach- und Flusssystemen, die innerhalb kurzer Zeit anschwellen und sich in zerstörerische Sturzfluten verwandeln. Besonders in Regionen mit degradierten Böden und geringer Vegetationsdecke verstärkt sich dieser Effekt zusätzlich.
Auch menschliche Faktoren verschärfen die Lage. Entwaldung, Überweidung und schwache Wasserinfrastruktur reduzieren die natürliche Speicherfähigkeit der Landschaft. Viele Siedlungen bestehen zudem aus Lehm- oder einfachen Mauerstrukturen und liegen in ehemaligen Flussbetten oder auf Schwemmkegeln, die besonders hochwassergefährdet sind.
Die aktuellen Fluten stehen zudem im Zusammenhang mit saisonalen Wetterbedingungen, die in Zeiten des Klimawandles verstärkt auftreten. Afghanistan erhält seine wichtigsten Niederschläge im Übergang vom Winter zum Frühling, typischerweise zwischen März und Mai. In einigen östlichen Regionen können dabei Ausläufer des südasiatischen Monsuns auf Afghanistan übergreifen, doch die aktuellen Ereignisse werden überwiegend durch lokale Starkregen und instabile Frühjahrs-Wetterlagen verursacht, nicht durch einen voll ausgebildeten Monsun wie in Südasien.
Klimawandel wird zunehmend als Verstärker dieser Extreme betrachtet: wärmere Atmosphäre führt zu intensiveren Niederschlagsereignissen, während gleichzeitig die Verdunstung steigt und Böden austrocknen, wodurch die Aufnahmefähigkeit weiter sinkt.
Die Kombination aus Topographie, ungünstiger Landnutzung und extremen Wetterereignissen macht Afghanistan damit zu einem der weltweit am stärksten von plötzlichen Sturzfluten und Dürren gefährdeten Länder. Eine Besserung ist nicht in Sicht, die Lage wird sich eher weiter zuspitzen. Dabei ist die humanitäre Lage in Afghanistan bereits desolat: Nach Angaben der Vereinten Nationen benötigen rund 21,9 Millionen Menschen – etwa 45 % der Bevölkerung – humanitäre Hilfe, darunter über elf Millionen Kinder. Nach der Machtübernahme der Taliban in 2021 ist die Wirtschaft nahezu komplett zusammengebrochen. Hilfen werden teilweise von den Taliban in ihre eigenen Taschen geleitet. Die wiederkehrenden Naturkatastrophen verwandeln das Land in ein Fass ohne Boden.