Pompeji: Opfer wollte sich vor Lapilliregen schützen

Zwei skelettierte Opfer des Vesuvausbruchs außerhalb der Porta Stabia von Pompeji entdeckt – neue anthropologische Analysen und KI-gestützte Rekonstruktionen

Fast 2000 Jahre nach ihrem Untergang infolge des Vesuvausbruchs im Jahre 79 n.Chr. sind noch längst nicht alle Entdeckungen in Pompeji gemacht worden. Die Ausgrabungen halten an und fördern immer wieder erstaunliche Momentaufnahmen aus dem Sterben der Stadt zutage. Die Daten sind so umfangreich, dass nun auch eine KI zu deren Auswertung herangezogen wird.

Opfer mit Deckel

Neueste Ausgrabungen der Nekropole außerhalb der Porta Stabia in Pompeji liefern detaillierte Einblicke in die letzten Momente zweier Menschen, die beim Ausbruch des Vesuvs ums Leben kamen. Die Ergebnisse stammen aus aktuellen Grabungen und interdisziplinären Analysen des Parco Archeologico di Pompei und wurden im Rahmen des offiziellen E-Journals des Parks veröffentlicht.

Die archäologischen Arbeiten konzentrierten sich auf eine Zone außerhalb der antiken Stadtmauer Pompejis, wo die Skelette zweier männlicher Opfer des Vulkanausbruchs unter meterhohen Ablagerungen entdeckt wurden. Beide Skelette wurden im Kontext ihrer Umgebung detailliert dokumentiert, wobei moderne archäologische Methoden zum Einsatz kamen, darunter 3D-Dokumentation, digitale Modellierung und KI-gestützte Rekonstruktionen der Körperlage im Moment des Todes.

Die stratigraphische Lage zeigt, dass die beiden Männer während unterschiedlicher Ausbruchsphasen starben, da ihre Skelette in verschiedenen Ablagerungen und Tiefenniveaus gefunden wurden, die etwa 90 cm auseinanderlagen. Auch ihre Haltung unterschied sich deutlich: Das in tiefer liegenden Schichten gefundene Opfer war ein älterer Mann, der sich offenbar mit dem Deckel eines großen Tongefäßes zu schützen versuchte, den er über Kopf und Oberkörper hielt, während Lapilli auf ihn niederprasselten. Er befand sich in kauernder Schutzhaltung am Boden und starb Stunden vor dem zweiten Opfer.

Das zweite Skelett wurde in 670 cm Tiefe entdeckt, wo es sich in gestreckter Schrittstellung in den feinkörnigen Ablagerungen eines pyroklastischen Stroms befand. Der ältere Mann starb somit in der plinianischen Initialphase der Eruption, als grobe Tephra niederging. Der zweite Mann überlebte diese Phase vermutlich, weil er Schutz unter einem Dach gefunden hatte, das das Gewicht der Lapillischicht tragen konnte. Auf seiner Flucht geriet er jedoch in einen heißen Dichtestrom, vermutlich beim Versuch, die Stadt während einer ruhigeren Phase zu verlassen. Genau zu diesem Zeitpunkt bedeckten und versiegelten pyroklastische Ströme das Areal endgültig. Da sich unter seinem Skelett nur eine dünne Schicht des Materials dieser Dichteströme befand, starb er unmittelbar zu Beginn dieser Eruptionsphase.

Die Kombination aus klassischer Anthropologie und digitalen Verfahren ermöglicht es den Archäologen, die Abläufe der letzten Minuten im Leben der beiden Männer präziser zu rekonstruieren als in früheren Grabungskampagnen. Insbesondere die KI-gestützte Analyse hilft dabei, Bewegungsmuster, Körperhaltungen und mögliche Schutzreaktionen zu simulieren und mit experimentellen Modellen von Vulkanereignissen zu vergleichen.

Die Ergebnisse zeigen eindrücklich, wie plötzlich und brutal der Tod im Umfeld des Vesuvausbruchs eintrat. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Opfer nicht passiv waren, sondern in vielen Fällen noch versuchten, sich gegen die Naturgewalt zu schützen – wenn auch ohne Erfolg.

Weiterführender Link: Der Untergang von Pompeji