Analyse tiefer Tremorsignale und gravimetrische Messungen bestätigt magmatischen Ursprung der Erdbebenkrise 2025 bei den Vulkanen Santorin und Kolumbos
Die große Erdbebenkrise auf Santorin Anfang 2025 war wesentlich stärker von Magmenbewegungen geprägt als von rein tektonischen Prozessen. Zu diesem Ergebnis kamen bereits zwei Studien, über die Vnet im vergangenen Jahr berichtet hatte. Neue Untersuchungen von Tremorsignalen und gravimetrische Messungen liefern nun weitere Hinweise darauf, dass im Untergrund des griechischen Vulkansystems tatsächlich Magma aktiv war.

Die Krise begann Ende Januar 2025 und dauerte gut 45 Tage. Zehntausende Erdbeben erschütterten die Region nordöstlich von Santorin, einige davon mit Magnituden über 5. Gleichzeitig verlagerte sich die Aktivität ausgehend von den Vulkanen Santorin und Kolumbos über mehr als zehn Kilometer in Richtung der Insel Anydros. Besonders auffällig war der starke Tremor am 14. Februar, der bereits damals auf einen vulkanischen Einfluss hindeutete.
Eine im September 2025 veröffentlichte Studie zeigte anschließend, dass ein etwa 13 Kilometer langer Magmengang für die außergewöhnliche Seismizität verantwortlich war. Aus einem mitteltiefen Reservoir im Bereich des Unterwasservulkans Kolumbos stieg Magma auf und drang als Dyke in die Kruste ein. Der Gang erreichte den Meeresboden jedoch nicht, sondern stoppte in wenigen Kilometern Tiefe, kurz bevor ein submariner Vulkanausbruch ausgelöst wurde. Auf seinem Weg aktivierte die Intrusion vorhandene Störungszonen und löste dadurch die gewaltige Erdbebenserie aus. Mehr als 28.000 Erschütterungen konnten in der Studie identifiziert werden.
Damit war bereits klar, dass die Tektonik zwar eine Rolle bei der Entstehung der Beben spielte, die treibende Kraft aber im Magmensystem zu suchen ist. Eine weitere, Anfang 2026 vorgestellte Studie zeigte zudem, dass Santorin und Kolumbos auch über geologische Zeiträume hinweg miteinander gekoppelt sind. Bohrungen am Meeresboden belegten zeitliche Zusammenhänge zwischen den Eruptionsphasen beider Vulkansysteme.
Tiefer Tremor liefert neues Indiz

Eine jetzt in Geophysical Research Letters erschienene Untersuchung von Soubestre und Kollegen nimmt die seismischen Signale der Krise noch einmal detailliert unter die Lupe. Die Forscher unterscheiden zwei unterschiedliche Tremor-Typen. Einer entstand durch die extrem dichte Abfolge kleiner Erdbeben und ist damit im Grunde ein Produkt der Seismizität selbst. Der zweite Tremor-Typ ist dagegen wesentlich interessanter: Seine Signale wiesen niedrige Frequenzen auf und stammen aus Tiefen von 8 bis 25 Kilometern. Sie lassen sich nicht durch eine Überlagerung gewöhnlicher Erdbeben erklären.
Insgesamt identifizierten die Wissenschaftler elf Episoden dieses tiefen Tremors. Sie traten zwischen dem 7. und 19. Februar auf. Eine der Episoden fiel auf den 14. Februar, als der besonders starke Tremor in der Region registriert wurde.
Die Lage der Tremorquellen im Bereich der mittleren Erdkruste passt gut in das Bild, in dem geophysikalische Untersuchungen bereits Schmelze in einem Reservoir nachgewiesen hatten. Als mögliche Ursachen des tiefen Tremors kommen Bewegungen von Magma oder magmatischen Fluiden und Druckänderungen innerhalb des Speichers infrage. Die Forscher wiesen in ihrer Studie allerdings darauf hin, dass sich der genaue Mechanismus hinter der Entstehung des Tremors allein aus ihren Daten heraus nicht eindeutig bestimmen lässt.
Auch die Gravimetrie passt ins Bild

Eine weitere aktuelle Studie von Jan Mrlina & Vassilis Sakkas, die erst am 6. Septemberbei Springer veröffentlicht wurde, ergänzt die seismischen Beobachtungen durch gravimetrische Messungen. Sie zeigt bereits vor der eigentlichen Erdbebenkrise Veränderungen des Schwerefeldes, die mit der zuvor beobachteten Inflation Santorins im Zusammenhang standen. Während der Krise änderten sich die Signale, wobei neben dem Einfluss der magmatischen Intrusion auch Fluide im Bereich der Kolumbo-Störungszone eine Rolle gespielt haben könnten.
Parallel zur Schweremessung untersuchten die Forscher auch das Deformationsmuster Santorins und stellten fest, dass es während der Hauptphase der Krise eine Subsidenz gab. Nach der Krise kehrte sich das Muster wieder um und der Boden began sich zu heben, teilweise sogar schneller als vor der Krise. Diese Bodendeformationen werden als nahezu aseismische Öffnung des Santorin-Amorgos-Grabens interpretiert und könnten darauf hindeuten, dass weiterhin Magma in die flache Kruste intrudiert.
Ein einheitliches Bild der Krise bei Santorin
Betrachtet man alle Studien zusammen, entsteht ein zunehmend konsistentes Bild vom Hergang der Krise: Zunächst kam es zu einer Zufuhr und Akkumulation von Magma im Magmasystem unter Santorin beziehungsweise im gekoppelten System von Santorin und Kolumbos. Dies führte zu einer messbaren Bodenhebung. Anschließend setzte eine größere Magmenintrusion ein, die nach dem derzeitigen Modell von einem mitteltiefen Magmenreservoir unter dem submarinen Kolumbo-Vulkan ausging. Das in die Erdkruste eindringende Magma aktivierte vorhandene Störungen und verursachte die massive Erdbebentätigkeit. Gleichzeitig wurden im Bereich des mitteltiefen Magmenreservoirs tiefe Tremorsignale registriert, die auf dort ablaufende magmatische Prozesse hindeuten. Damit zeichnet sich zunehmend ab, dass es sich bei dem magmatischen System von Santorin und Kolumbos nicht einfach um zwei miteinander gekoppelte Magmenkörper handelt, sondern um eine komplexe, verzweigte und vielschichtige Magmendomäne, in der verschiedene Magmenreservoirs und Zufuhrwege miteinander interagieren.
Der Magmenaufstieg begann in rund 18 Kilometern Tiefe und stoppte zunächst ca. 11,5 km unter der Oberfläche. Von dort aus breitete sich ein magmatischer Gang 13 Kilometer weit nach Nordosten aus. Dabei erreichte die Intrusion eine Tiefe von etwa 3 bis 5 Kilometern unter dem Meeresboden, bevor sie zum Stillstand kam, ohne dass sich eine Eruption ereignete.
Die neuen Ergebnisse machen damit die Interpretation der Santorin-Krise zunehmend eindeutig: Es handelte sich nicht um eine gewöhnliche tektonische Erdbebenserie. Die Krise wurde offenbar durch Magmenbewegungen ausgelöst, während die vorhandenen Störungen die Energie in Form tausender Erdbeben freisetzten. Der nun nachgewiesene tiefe Tremor liefert dafür einen weiteren wichtigen Beleg und zeigt, dass auch das tieferliegende Magmenreservoir während der Krise aktiv war.
Quellen:
1) Soubestre et al. (2026), Geophysical Research Letters, DOI: 10.1029/2025GL119853;
2) Mrlina, J. & Sakkas, V. (2026) Pure and Applied Geophysics. DOI: 10.1007/s00024-026-04085-x.
3) Isken et al. (2025), Nature 645, 939–945, DOI: 10.1038/s41586-025-09525-7.