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Costa Rica


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 Costa Rica: Ein kleines Land und seine Feuerberge


Eine Reportage von Jens Edelmann

Übersicht der Vulkangebiete

Costa Rica besitzt insgesamt sechs Vulkane mit historischer Tätigkeit: Turrialba (1864-1866), Miravelles (1948), Poás (1955, 1987-1990, 1996) , Irazú (1963-1965), Rincon de la Vieja 1967, 1995 - 1998), und Arenal (seit 1968 daueraktiv). Bis auf den Arenal, dessen Eruptionen häufig von Glutlawinen begleitet sind, können alle Vulkane Costa Rica`s relativ gefahrlos besucht werden. Auf den Poás und den Irazú führen sogar gut ausgebaute Fahrstraßen.
Mit einem Alter von lediglich rund 50 Millionen Jahren ist die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika geologisch gesehen sehr jung. Sie entstand erst während des Tertiär durch die Kollision der Karibischen Platte und der von Westen her vorrückenden Cocos Platte. Die damit verbundene Subduktion der Cocos Platte unter die Karibische Platte dauert bis heute an. Durch Risse an den Plattengrenzen dringt Magma bis an die Erdoberfläche und lässt Vulkane entstehen.


Auch wenn Kassenhäuschen und am Kraterrand angebrachte Zäune nicht jedermann`s Sache sind - so hat dies auch etwas Positives. In Costa Rica kann man nämlich auch als Nicht-Bergsteiger zahlreiche Vulkane bewundern, an deren Flanken sich eine besonders artenreiche tropische Natur erhalten hat.
Prinzipiell lassen sich die Vulkane in Costa Rica`s in zwei Haupttypen untergliedern - Stratovulkane und andesitische Schildvulkane. Daneben treten Calderen und ausgedehnte Ash-flow Tuffgebiete in Erscheinung (z.B. Miravelles-Caldera, Tiribí-Tuff, Guanacaste-Tuff).


Die aktiven Vulkane Costa Rica`s befinden sich in folgenden Gebieten:

  • Zentralkordillere (Vulkangebiet um San Jose/ Alajuela) historisch tätige Vulkane: Turrialba, Irazú, Poas quartär tätige Vulkane: Barva, Platanar
  • Arenal (Vulkangebiet im Südwesten des Lago Arenal) historisch tätige Vulkane: Arenal quartär tätige Vulkane: Cherro Chato
  • Cordillera de Guanacaste (Nordwestliche Kette) historisch tätige Vulkane: Miravelles, Rincon de la Vieja quartär tätige Vulkane: Santa Maria, Tenorio, Orosi und Cacao

    Auch das im Süden des Landes gelegene, höchste Gebirgsmassiv Costa Rica`s, der Cerro Chirripó (3.820 m) wird von einem alten, erodierten Vulkankomplex gebildet.


    Das Land Costa Rica

    Costa Rica bedeutet übersetzt "reiche Küste". In der Tat ist das Land reich - an herrlichen Nationalparks, an Vulkanen, einsamen und weniger einsamen Stränden, einer enorm artenreichen Tier- und Pflanzenwelt. Dass Costa Rica mit einer vorzüglichen Infrastruktur aufwartet und mit seinen mittelamerikanischen Nachbarländern nicht viel mehr gemein hat, als die geografische Lage, macht es für all jene interessant, die einen erlebnisreichen, zugleich aber sicheren Lateinamerika-Urlaub verbringen möchten.
    Die einstige, von der US-amerikanischen United Fruit Company beherrschte Bananenrepublik, befindet sich seit Mitte der 1980er Jahre im Wandel. "Ökotourismus" lautet das Schlagwort. Costa Rica setzt konsequent auf die Dollars ausländischer Touristen, die in seinen wahrhaft paradiesischen Nationalparks eine Vorstellung davon bekommen, wie die Erde am Tag der Schöpfung ausgesehen haben könnte. Ein Konzept, das funktioniert. Neben Kaffee und Bananen ist der Tourismus zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor Costa Rica`s avanciert. "Öko" ist allerdings aber nicht nur "in" und richtig, sondern kostet auch eine Menge Geld. Wer in diesen Tagen aus der Eurozone nach Costa Rica reist, bekommt dies zu spüren und wird sich den Namen des Landes wohl eher mit "teure Küste" übersetzen müssen. Eine Cola kostet im Supermarkt knapp 2 Euro, ein Essen in einer Soda (einfaches einheimisches Lokal) um 4 Euro und ein Mietwagen pro Tag mindestens 30 Euro.

     

    Selbst die Strafen für zu schnelles Fahren fallen deutlich drastischer aus als daheim - wer sich mit 20 Km/h über der angegebenen (oder von der Polizei frei erfundenen) Höchstgeschwindigkeit erwischen läßt, darf - wie der Autor am letzten Reisetag - rund 50 US-Dollar berappen. Selbstverständlich in bar und ohne Quittung. Wegelagerei auf mittelamerikanisch. Auch bleibt fraglich, wo die vielen Dollars, die der Staat nicht zuletzt aus den relativ hohen Eintrittsgeldern für die Nationalparks einnimmt, wirklich hingehen. Denn trotz strenger Schutzbestimmungen werden in Costa Rica nach wie vor sowohl tropische Edelhölzer als auch seltene Tierarten gewildert. Immer noch müssen im Musterland Mittelamerikas Urwaldgebiete Plantagen weichen, auf denen Monokulturen von Zuckerrohr, Bananen und Reis angebaut werden. Costa Rica - ein Paradies auf Zeit? Die riesigen Schlaglöcher auf seinen Straßen sind jedenfalls nur ein Indiz dafür, dass in dem kleinen Land zwischen Panama und Nicaragua einiges im argen liegt.
    Dennoch: Costa Rica ist ein fantastisches Reiseziel und seine Bewohner, die Ticos, versprühen eine umwerfende Herzlichkeit (wir haben übrigens auch nette Polizisten getroffen!). "Think positiv" scheint hier das alles bestimmende Lebensmotto zu sein. Und nicht zuletzt gehören Costa Rica`s Vulkane zu den interessantesten Mittelamerikas.


    Vulkantouren in Costa Rica

    Die kleine IBERIA-Maschine schaukelt beim Anflug auf San José von Luftloch zu Luftloch. Es ist 19.00 Ortszeit. Da unsere innere Uhr noch auf die europäische Zeit eingestellt ist und 02.00 Uhr morgens anzeigt, sind wir zu müde, um uns über die Turbulenzen allzu große Gedanken zu machen. San José, die Hauptstadt Costa Rica`s, liegt in einem Hochtal der Zentralkordillere, auf rund 1.000 m Seehöhe. Links und rechts ist das enge Tal von hohen Gebirgsketten umgeben, die einen regelrechten Windkanal erzeugen. Kein Wunder, dass das Flugzeug dermaßen unruhig in der Luft liegt. Landung, Einreiseformalitäten, Fahrt ins Hotel. Endlich schlafen.

    Der nächste Morgen. Wir haben Glück und können uns für den übernächsten Tag mit den Vulkanologen vom Seismologischen Dienst Costa Rica`s (OVSICORI) zu einigen Exkursionen verabreden. Erstes Ziel soll der Turrialba sein. Bevor wir zu den "heißen Zacken" durchstarten., wollen wir uns aber zunächst ein wenig akklimatisieren und den Jet-Lag loswerden. Eine Tour zu dem als erloschen geltenden Barva-Vulkan in der Nähe von Alajuela, erscheint uns dafür das Beste.


    Barva

    Wie sein tätiger Nachbar Poás liegt auch der erloschene Barva (2.906 m), ein andesitischer Schildvulkan mit Gipfelcaldera, im Braulio Carillo Nationalpark. Im Gegensatz zum Poás und dem Irazú ist der Barva bislang von größeren Touristeninvasionen verschont geblieben. Wegen den hier wachsenden Nebelwäldern, in denen zahlreiche riesige Schirmpflanzen ("sombrillas del pobre") stehen, und dem Ausblick auf die Laguna Danta, einem fast kreisrunden, 500 m breiten Kratersee, wollen wir auf einen Besuch des Barva nicht verzichten.
    Von seiner interessanten vulkanologischen Geschichte bekommt man im Gelände allerdings nicht viel mit, da fast der gesamte Berg mit üppiger tropischer Vegetation bedeckt ist. Bis 1999 war über die Eruptionen dieses Vulkans kaum etwas bekannt. Erst neuere Untersuchungen ergaben, dass die Barvacaldera im Verlaufe von rund 600.000 Jahren ausgedehnte Tuffdecken (Tiribi-Tuff) produzierte, die sich über eine Entfernung von mehr als 75 Kilometern bis zum Pazifik nachweisen lassen. Wir genießen es, ungestört im Nebelwald umher zu wandern und verbringen auf diesem Vulkan einen herrlichen Urlaubstag.



    Turrialba

    Der mit 3.340m zweithöchste Vulkan Costa Rica`s liegt etwa 30 Kilometer östlich von San José und ist mit dem Irazú (3.432 m) durch einen flachen Sattel verbunden. Wie die meisten Vulkane Costa Rica`s besteht auch der Turrialba an der Basis aus Lavaströmen (Schildvulkan) die weiter oben in Wechsellagen aus effusiven und explosiven Materialien übergehen (Stratovulkan). Die Lavaströme sind vor allem in der Nähe des Dorfes Pastora gut aufgeschlossen. Von hier aus verläuft auch der Aufstieg zum Gipfel. Die relativ flach abfallenden Flanken des Turrialba sind, wie die der übrigen Vulkane der Zentralkordillere auch, bis zum Krater hinauf mit dichter Vegetation bedeckt.

    Die Gipfelcaldera des Turrialba trägt zwei Krater, von denen einer (der SW-Krater) gegenwärtig noch aktiv ist. Aus diesem erfolgte auch von 1864-66 die vorläufig letzte Eruption dieses Vulkans.
    Der zweite Krater (NO-Krater) ist inaktiv und führt gelegentlich einen Kratersee (Regenwasser). Im Sattel zwischen den beiden Kratern sind schöne Sedimente des Kratersees (Lake deposits) aufgeschlossen. Im aktiven Krater befinden sich zudem zahlreiche Fumarolen. Neue Frakturen der nördlichen Kraterwand, aus denen ebenfalls Fumarolengase austreten, künden von der hohen seismischen Aktivität dieses Vulkans. Durchschnittlich werden hier pro Monat 200 Erdbeben in relativ geringer Tiefe (3-11 Km) registriert. Die Temperatur der Fumarolen liegt bei etwa 90 Grad Celsius.


    Irazú

    Das ebenfalls mehr breite als hohe Irazú-Massiv ist mit einer Gipfelhöhe von 3.432 m der höchste Vulkan Costa Rica`s. Der Irazú, dessen Name auf indianisch "donnernder, rauchender Berg" bedeutet, war zuletzt von 1963 bis 1965 tätig. Geologisch besteht der Vulkan ebenfalls aus Wechsellagen von pyroklastischen Produkten und Laven und hat eine unregelmäßige, halbkonische Gestalt. Bei gutem Wetter kann man von seinem Gipfel sowohl den Atlantik als auch den pazifischen Ozean sehen.

    Im Gipfelkrater des Vulkans befindet sich zurzeit ein großer, tiefer, schwefelgrüner und säurehaltiger See, der während der jüngsten Eruptionsphase ausgeworfen wurde. Schlammströme, die sich während der Regenzeit des Jahres 1963 aus Vulkanaschen bildeten und im Flusstal des Rio Reventado niedergingen, zerstörten 300 Häuser.


    Der Irazú besteht insgesamt aus fünf Eruptionszentren: 1.) dem 1050 m breiten und 300 m tiefen Hauptkrater mit dem grünlich schillernden, schwefelhaltigen Kratersee
    2.) dem zuletzt im Jahre 1723 aktiven, 690 m breiten und 80 m tiefen Diego de la Haya Krater
    3.) dem Playa Hermosa Krater, einem aschebedeckten älteren Eruptionszentrum
    4.) dem Laguna Krater und
    5.) einem pyroklastischen Kegel (Cono Piroclástico).

    Seit 1955 ist der Irazú Nationalpark und wird, aufgrund der vorzüglichen Straßenverbindung von und nach San José und Cartago von vielen Touristen frequentiert.


    Poás

    Wieder einmal klingelt das Telefon. Wendy Perez vom OVSICORI fragt, wann wir zum Poás möchten. Die Vulkanologen würden voraussichtlich am Dienstag oder Mittwoch hinauffahren, um Messungen vorzunehmen. Wenn wir Lust hätten, könnten wir sie begleiten. Ich überlege. Heute ist Freitag. Somit wären vor dem Poás noch einige Tage Strand möglich. Das sind wir nicht zuletzt den Kindern schuldig, die wie immer und ohne sich zu beklagen, tapfer alle Macken ihrer vulkansüchtigen Eltern ertragen. Allerdings müssten wir unter diesen Umständen unseren ursprünglichen Plan, die Südküste bis nach Golfito hinunter zu fahren, begraben. Strand oder Krater? Die Wahl ist rasch getroffen. "Dürfen wir wirklich mit in den Krater?" frage ich. "Selbstverständlich", sagt Wendy. "No problem". Damit ist die Entscheidung gefallen. Der Poás ruft!



    Hoffentlich spielt das Wetter auch diesmal mit, denn genau wie der Irazú ist auch der Poás eine Wetterküche. An sehr vielen Tagen im Jahr sieht man überhaupt nichts und kann nur ahnen, wo sich der türkisfarbene Kratersee befindet. So war es auch beim Test vor einer Woche, als wir uns gemeinsam mit 50 schnatternden amerikanischen Touristen abmühten, ein Blick auf den See zu erhaschen.
    Wir verabreden uns mit den Vulkanologen für Mittwoch nächste Woche um 9.00 Uhr auf der Besucherplattform und starten mit unserem kleinen Toyota-Mietwagen zunächst einmal Richtung Pazifik. Am Playa Matapolo, den wir nach vielen Pisten-Kilometern erreichen, machen wir halt und spannen für ein paar Tage aus. Obwohl sich der berühmte Manuel Antonio Nationalpark in unmittelbarer Nähe befindet, und der Playa Matapolo mit den Stränden des Nationalparks durchaus konkurrieren kann, geht es hier eher ruhig zu. Genau das Richtige für unsere Kinder, die mit den drei Hunden der Hotelbesitzerin am Strand herumtoben.
    Baden, Ausruhen, Sonne tanken, Pelikane beim Fischen beobachten. Hier könnte man ewig bleiben... Wir nicht. Nach dem zweiten Tag schon denken wir an nichts anderes, als an die Vulkane und sehnen den kommenden Mittwoch herbei. Hoffentlich klappt alles!
    Dienstagabend. Alajuela, das schon vertraute Hotel. Ein banger Anruf bei Wendy, zur Sicherheit. So sind wir Deutschen eben. - Ja, es bleibt dabei. Aufatmen. Morgen geht es zum Poás. Noch ein prüfender Blick zum Himmel, das Wolkenbild sieht gut aus. Und es geht Wind. Wind bedeutet hier meistens einen klaren Himmel. Meistens.

    Pünktlich um 9.00 Uhr stehen wir am Eingang des Poás-Nationalparks. Die Ranger kennen uns noch von unserem ersten Besuch vor einer Woche, und winken uns durch. Freundliche Ticos eben. Am Parkplatz suchen wir den weißen Pickup der Vulkanologen vergebens. Warten. Eine halbe Stunde vergeht. Nichts passiert. Allmählich wird es heiß und die Kinder zappelig. Schließlich, gegen 10.30 Uhr, taucht der Wagen mit dem Emblem der Universität Costa Rica endlich auf. Nicht zu ändern, dafür ist man in Mittelamerika. Manana. So läuft das hier.
    Wir begrüßen uns. Mit Raul waren wir schon am Turrialba unterwegs. Carlos, einen freundlichen 1,90 m Riesen, kennen wir noch nicht. Der Dritte im Bunde ist Pablo, ein argentinischer Kollege. Carlos hat leider auch gleich die erste unerfreuliche Mitteilung des Tages für uns parat: "The crater is impossible for the children", sagt er. "It is too steep and too dangerous". Lange Gesichter bei Grit und Elisa. Grit bleibt mit den Kindern draußen bleiben und geht mit ihnen zur Laguna Boto, dem alten Eruptionszentrum des Poás. Ich danke ihr innerlich auf Knien und freue mich auf ein exklusives Kratererlebnis.



    Im Krater

    11.00 Uhr. Der Abstieg in den Krater beginnt. Die Vulkanologen sind schwer beladen. Jeder schleppt einen 20 Liter Kanister Wasser, Messgeräte und die Geologenausrüstung. Die Kraterwand ist wider erwarten wirklich sehr steil. Carlos hatte recht. Hier wären die Kinder nicht durchgekommen. Wir wechseln uns beim Tragen ab, schwitzen. Kein Wölkchen am Himmel über dem sonst oft wolkenverhangenen Poás. Die Sonne brennt. Warum mussten die auch so spät kommen!?
    Der Blick in den Krater mit seinem türkisfarbenen, stark sauren Kratersee und dem dampfenden Dom an seinem Südufer ist äußerst beeindruckend.
    Es gibt auf der Welt insgesamt nur vier Kraterseen mit einem derart hohen Säuregehalt (pH-Wert um Null). Deshalb ist es schon etwas Besonderes, hier zu sein.




    Ein kurzer Ruf von Carlos. Ein von oben knapp an meinem Kopf vorbeizischender Stein, reißt mich aus meinen Vulkanträumen. Das hätte schief gehen können. - Bevor wir den Kraterboden erreichen, ist noch ein anstrengender Gegenaufstieg über eine von oben kaum sichtbare, von unten aber dafür um so steilere Rippe zu meistern. Geschafft! Erleichtert lassen wir die Kanister fallen. Carlos erklärt uns (Pablo und mir) die Morfologie und Entwicklungsgeschichte des Hauptkraters. Raul ist mit Temperaturmessungen an einer Fumarole beschäftigt. Ab und zu rufen sich die beiden Messergebnisse zu. Notieren Zahlen und Daten. Vulkanologen-Alltag. Die Fumarolen an der östlichen Kraterwand zeigen eine sehr kräftige Tätigkeit. Von den Kraterwänden rieseln kleine Rinnsale.
    "This is a hydrothermal circulation system" erklärt Carlos. "That water is very acidic. It comes from the lake". Und wirklich. Als ich einige Minerale aus einer wunderschönen Alaunstufe von der Kraterwand pickele, tropft mir ein wenig "Wasser" auf die Hose. Eine halbe Stunde später kann ich mein rechtes Knie von draußen betrachten. Lochfraß. Der Poás hat mir zugelächelt.


    Eine startende Passagiermaschine der TACA-Airlines rauscht im Tiefflug über den Krater. Ich beneide die Passagiere für einen Moment um den Wahnsinnsblick auf den Vulkan. Solche Tage sind hier oben wirklich selten.


    Geschichte des Poás

    Der 2.708 m hohe Stratovulkan Poás gehört zu den spektakulärsten und aktivsten Vulkanen Mittelamerikas. Sein etwa 2 Km breiter Gipfelkrater (Antiguo-Krater) besteht aus mehreren, zum Teil erodierten Calderen und zwei Kraterseen. Der eine See, die Laguna Boto ist klar und enthält Frischwasser. Der andere (nördliche) ist türkisfarben und enthält Säure. Die Temperatur des Säuresees schwankt in Abhängigkeit vom Wasserstand zwischen 25 und 70 Grad Celsius.
    Während die Tätigkeit der Laguna Boto vor etwa 3000 Jahren endete, erfolgten die historischen Eruptionen alle aus dem säurehaltigen Kratersee des Antiguo-Kraters. Der See weist zudem gelegentlich - meist während der von April bis Oktober dauernden Regenzeit - auch eine geysirartige Tätigkeit auf. Der Ascheregen, die pyroklastischen Ströme und Lahars des Poás sind vor allem die an den Hängen des Vulkans liegenden Dörfer und die etwa 30 Km entfernt liegende Stadt Alajuela eine ständige Bedrohung. Durch die Ausbruchsserie von 1955 wurde die Morphologie des Hauptkraters stark verändert und der Kratersee durch die Auspressung eines Doms an seiner Südseite halbiert. Der südliche Teil des alten Seebeckens trocknet während der Sommermonate meist aus, wird im Winter jedoch meist aus einem Gemisch aus Säure und Regenwasser überschwemmt.
    Carlos mißt den pH-Wert der Lagune. Fast triumphierend ruft er "Zero!". Die Messung der Seetemperatur führt zu einem noch überraschenderen Ergebnis. Sie beträgt lediglich 22 Grad Celsius. Ziemlich kalt für den Poás. Eigentlich hatte ich hier eine kochende Brühe erwartet. Aber auch dafür hat Carlos eine Erklärung parat. Der Seespiegel ist während der letzten drei Wochen um sechs Meter gestiegen. Über die Ursachen sind sich die Vulkanologen noch nicht im Klaren. Um meteorisches (d.h. von der Oberfläche stammendes) Wasser kann es sich jedenfalls nicht handeln, da es während der letzten Monate nur selten geregnet hat. Eines der ungelösten Rätsel des Poás.


    An einer besonders heftig entgasenden Fumarole in der Nähe der Lagune starten Carlos und Raul ein interessantes Experiment. Sie tauchen den Messfühler ihres Thermometers in die von der Kraterwand herabströmende Säure, welche an der Kontaktstelle sofort heftig aufbraust. Ein Chemielabor par excellence! Raul wirft eine 100 Colon-Münze in das "Bächlein". Innerhalb von zwei Sekunden ist die Münze schwarz. Oxydiert. Angeätzt von der ultra-agressiven Flüssigkeit, die der Vulkan rund um die Uhr ausspuckt.


    Ich bin tief beeindruckt, fürchte aber, dass sich die Fumarolengase in ähnlicher Weise auch an meiner Kamera zu schaffen machen. Der trotz Gasmaske heftig hustende Raul wiederholt seine Versuche. Scheinbar macht ihm großen Spaß, in diesem Höllenschlund zu arbeiten und uns seine Kunststücke vorzuführen.
    Auf dem Rückweg unterhalten wir uns über die Methoden zur Überwachung des Vulkans. Für elektromagnetische Messungen (z.B. das LOTEM-Verfahren [Long-Offset Transient Electromagnetics], wie sie u.a. von den Geophysikern des GFZ Potsdam mit großem Erfolg am Vesuv und dem Merapi in Indonesien durchgeführt wurden, fehlt der Universität Costa Rica vor allem das Geld zur Anschaffung der erforderlichen Apparaturen. Schade, denn gerade das LOTEM-Verfahren wäre geeignet, hydrothermale Systeme und wassergesättigte Schichten im Inneren des Vulkans aufzuspüren. Vielleicht ließen sich hierdurch auch Antworten für das merkwürdige Steigen und Fallen des Kratersees finden.
    Nicht viel besser sieht es mit den Seismografen aus. Carlos erzählt mir, dass von den einstmals fünf vorhandenen Seismografen nur noch einer arbeitet. Die anderen sind ausgefallen, weil ihre Solarpaneele wegen des oft schlechten Wetters nicht genügend Energie zum Betrieb der Seismografen liefern. Auch für Spezialbatterien, mit denen man das Problem der Energieversorgung in den Griff bekommen könnte, fehlt der Universität das Geld. Die Kapazität der von Carlos improvisierten Autobatterien genügt leider nicht, um mehr als einen Seismografen auf Dauer zu betreiben. Und so arbeiten Carlos und Raul "mehr als Hobby" wie sie sagen, auf dem Vulkan. Nehmen Proben und schützen sich dabei abwechselnd mit der einzigen funktionierenden Gasmaske vor den ätzenden, giftigen Gasen - für die anderen fehlen die passenden Filter. Mit Schuhen, die man in Europa allenfalls auf der Baustelle anziehen würde und mit einem klapprigen Digitalthermometer, für das ebenfalls jeder Einsatz der letzte sein könnte. Sie haben keine Schutzbrillen, keine säurefesten Schutzhandschuhe, keine Helme...
    Die Menschen im Tal fahren ihre Autos, bestellen die Felder, gehen zur Arbeit. Kaum einer weiß etwas über Carlos und Raul, die bei der Überwachung des Feuerbergs ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. "Wenn es möglich ist", sagt Carlos "würde ich eines Tages gern nach Europa kommen und die italienischen Vulkane studieren". Auch ich hoffe, dass dies kein Traum bleibt und als ich Carlos zum Abschied mein Digitalthermometer schenke weiß ich, dass ich in Costa Rica Freunde gefunden habe.


    Literatur:

    Williams-Jones, G., Stix, J. et al, A model of diffuse degassing at three subduction-related volcanoes, Bulletin of Volcanology, vol. 62, Nr. 2, Springer-Verlag 2000, S. 130-143
    Alvarado, G.E., Soto, G.J., Pyroclastic flow generated by crater-wall collapse and outpouring of the lava pool of Arenal Volcano, Costa Rica, Bulletin of Volcanology, vol. 63, Nr. 8, Springer-Verlag 2002, S. 557-568
    Hannah, R.S., Alvarado, G.E. et al, Origin of silicic volcanic rocks in Central Costa Rica; a study of a chemically variable ash-flow sheet in the Tiribí Tuff, Bulletin of Volcanology, vol. 64, Nr. 2, Springer-Verlag 2002, S. 117-133
    Kraus, E.C., Die Entwicklungsgeschichte der Kontinente und Ozeane, Akademie-Verlag Berlin, 1971, S. 217-220





     

    Über den Autor:

    Für Jens Edelmann (36) aus Dresden sind die Vulkane längst mehr als ein Hobby. Deshalb vergeht kaum ein Tag, an dem er sich nicht mit ihnen und ihrer Aktivität beschäftigt. Sein besonderes Interesse gilt dabei den Feuerbergen Südostasiens, die er bereits im Rahmen mehrerer Reisen nach Indonesien und den Philippinen besucht hat. Weitere Aufenthalte an den Vulkanen dieses Teils des "Ring of Fire" sind geplant, Grund genug also, auf weitere Reportagen von unserem Co-Autor gespannt zu sein.



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