Kraterboden des Nyiragongo sank ab – Subsidenz ist nicht zwingend ein Hinweis auf Deflation
Der Nyiragongo in der Demokratischen Republik Kongo gehört zu den ungewöhnlichsten Vulkanen der Erde. In seinem Gipfelkrater kommt es seit Jahrzehnten immer wieder zur Bildung eines Lavasees, der sich alle paar Jahre in einer großen Flankeneruption entleert, nur um sich nach einiger Zeit neu zu bilden. Zuletzt lief der Lavasee im Jahr 2021 ab. In den letzten Monaten bildete sich ein neuer Lavasee. Eine neue Studie im Bulletin of Volcanology zeigt nun, dass eine starke Absenkung des Kraterbodens zwischen 2012 und 2016 wahrscheinlich nicht durch eine Entleerung des Magmareservoirs verursacht wurde. Stattdessen spielte vermutlich die Abkühlung und Komprimierung von Lavaablagerungen eine entscheidende Rolle.

Die Wissenschaftler um Arthur Wan Ki Lo von der Pennsylvania State University untersuchten die Deformation des Kraters mithilfe hochauflösender Radarinterferometrie (InSAR). Dabei wurde eine kontinuierliche Absenkung des Kraterbodens von durchschnittlich etwa 39 Zentimetern pro Jahr festgestellt. Modellrechnungen ließen zunächst auf eine Deflation einer flachen, etwa 90 Meter tief liegenden Struktur eines möglichen Sills schließen. Die Autoren betonen jedoch, dass daraus nicht auf eine tatsächlich existierende oder sich entleerende Magmaintrusion geschlossen werden kann; zwar passte ein sich entleerender Sill zum mathematischen modell der Subsidenz (Absenkung) doch die anderen Parametrer vulkansicher Beobachtungen und geophysiklaischer Messdaten passten nicht dazu.
Vielmehr halten die Forscher einen thermischen Prozess für für die gemessene Absenkung verantwortlich. Seit der großen Flankeneruption von 2002 hatten sich durch Lavaüberäufe des Lavasees im Krater zahlreiche dicke Lavaschichten abgelagert. Beim Abkühlen ziehen sich diese zusammen und verdichten sich. Die dadurch entstehende Volumenabnahme kann eine entsprechende Absenkung der Oberfläche verursachen. Die Studie zeigt damit, dass vulkanische Deformation nicht zwangsläufig ein direktes Abbild von Vorgängen im Magmareservoir ist. Ähnliches erleben wir derzeit am Vesuv, wo es eine leichte Subsidenz und Erdbeben infolge der Abkühlung einer Schlotfüllung gibt.
Nach dem Untersuchungszeitraum entwickelte sich der Nyiragongo allerdings weiter. Im Februar 2016 entstand im Krater ein neuer aktiver Spatterkegel beziehungsweise ein Hornito auf der Terrasse über dem Lavasee. Die Lavaaktivität setzte sich anschließend über Jahre fort. Im Mai 2021 kam es zu einer erneuten und äußerst gefährlichen Flankeneruption. Lavaströme traten aus Spalten an den Flanken aus und bewegten sich in Richtung der Stadt Goma und richteten Zerstörungen in vorgelagerten Siedlungen an. Die Eruption zeigte erneut, wie schnell sich das Gefahrenbild des Nyiragongo verändern kann.
Nach der Eruption kehrte die Lava relativ schnell in den Gipfelkrater zurück. Bereits im September 2021 wurden wieder thermische Anomalien beobachtet. Ende 2021 kam es zu Lavafontänen und Kollapsereignissen an aktiven Schloten; anschließend entwickelte sich erneut eine Lavaansammlung. Auch 2022 und 2023 wurde anhaltende Lavaaktivität im Krater registriert. Im Sommer 2023 breitete sich Lava über größere Bereiche des Kraterbodens aus. Von Ende 2023 bis Frühjahr 2024 nahm die thermische Aktivität erneut deutlich zu. Satellitenbilder zeigten im April und Mai 2024 wieder helle Lavaflächen und starke thermische Anomalien.
Aktuell zeigt der Nyiragongo weiterhin eine ausgeprägte thermische Signatur: Auf einer aktuellen SWIR-Aufnahme ist eine nahezu 200 Meter durchmessende thermische Anomalie im Krater erkennbar. Das spricht für eine starke Wärmequelle und stammt wahrscheinlich von einem neuen Lavasee. Die Größe der thermischen Anomalie entspricht allerdings nicht zwangsläufig der tatsächlichen Größe eines offenen Lavasees.
Die Studie liefert damit einen wichtigen Hinweis für die Überwachung des Nyiragongo: Eine starke Kraterdeformation allein reicht nicht aus, um Veränderungen des Magmasystems zu diagnostizieren. Erst die Kombination aus Deformation, Seismizität, Gasemissionen und thermischen Beobachtungen erlaubt eine zuverlässigere Einschätzung der Aktivität.
(Quelle: Wan Ki Lo, A., Wauthier, C., Smets, B., d’Oreye, N., Barrière, J. & Samsonov, S. (2026): Imaging and modeling crater floor subsidence at Nyiragongo Volcano, DRC. Bulletin of Volcanology, 88, 112. DOI: 10.1007/s00445-026-02041-0. Veröffentlicht am 5. September 2026.)











