Zivilschutz beziffert Wahrscheinlichkeit für Vulkanausbruch auf den Kanaren in den nächsten 50 Jahren auf 77,69 Prozent
Die Kanarischen Inseln müssen sich langfristig auf weitere Vulkanausbrüche einstellen. Eine neue spanische Zivilschutzrichtlinie beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass es innerhalb der nächsten 50 Jahre mindestens eine Eruption im Archipel geben wird, auf 77,69 Prozent. Die Zahl klingt alarmierend, ist aber keine Vorhersage eines unmittelbar bevorstehenden Ausbruchs. Zudem lässt sich daraus nicht ableiten, welche Insel betroffen sein wird.

Hintergrund ist die neue „Directriz Básica de Planificación de Protección Civil ante el riesgo volcánico“, die im spanischen Staatsanzeiger veröffentlicht wurde. Sie ersetzt die bisherige, aus dem Jahr 1996 stammende Regelung und legt fest, wie die Behörden vulkanische Gefahren bewerten, überwachen und im Krisenfall darauf reagieren sollen.
Die Wahrscheinlichkeit von 77,69 Prozent bezieht sich auf das gesamte Kanarenarchipel. Sie beschreibt die statistische Chance, dass innerhalb des betrachteten Zeitraums mindestens eine Eruption stattfindet. Sie bedeutet weder, dass ein Ausbruch unmittelbar bevorsteht, noch, dass jede einzelne Insel einem vergleichbaren Risiko ausgesetzt ist. Grundlage der Berechnung sind die bisherige Eruptionsgeschichte der Inselgruppe und ein statistisches Modell zur Wiederkehr vulkanischer Aktivität.
Die geologische Vergangenheit zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Inseln. Auf La Palma kam es 2021 zu einem mehrmonatigen Ausbruch, während sich 2011 vor El Hierro ein unterseeischer Vulkan entwickelte. Auch Teneriffa und Lanzarote weisen jüngere vulkanische Aktivität auf. Fuerteventura und Gran Canaria sind dagegen wesentlich älter und zeigen keine vergleichbare historische Eruptionsaktivität.
Die neue Richtlinie ermöglicht es den Behörden, das Risiko für einzelne Inseln und sogar kleinere Gebiete genauer zu untersuchen. Dabei werden die Verteilung früherer Ausbruchszentren, die geologische Struktur, mögliche Eruptionsszenarien sowie die Besiedlung und Infrastruktur berücksichtigt. Auf diese Weise lässt sich das Gefahrenpotenzial räumlich differenzierter bewerten. Eine sichere Vorhersage, welche Insel innerhalb der nächsten 50 Jahre von einem Ausbruch betroffen sein wird, ist jedoch nicht möglich.
Die Überwachung der Vulkane obliegt vor allem dem Instituto Geográfico Nacional (IGN). Die Geowissenschaftler beobachten mithilfe eines umfangreichen Netzes von Messstationen die Erdbebenaktivität, Bodenverformungen und Veränderungen der Gasemissionen. Solche Veränderungen können Hinweise auf Magmenbewegungen im Untergrund liefern, die einer Eruption vorausgehen können. Die neue Richtlinie sieht außerdem die Erstellung von Gefahrenkarten, die Einrichtung von Frühwarnsystemen und die Ausarbeitung abgestimmter Evakuierungspläne vor.
Die 77,69 Prozent beschreiben somit ein langfristiges Risiko für den gesamten Archipel. Welche Insel tatsächlich einen Ausbruch erleben wird, bleibt offen. Die Zahl ist deshalb kein Anlass für akute Alarmstimmung, verdeutlicht aber die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Vulkanüberwachung und einer umfassenden Katastrophenvorsorge.
Die aktuellen Entwicklungen lassen einen Ausbruch auf Teneriffa als mögliches Szenario erscheinen. Dort wurde in den vergangenen Monaten Schwarmbebenaktivität registriert, die auf Magmenbewegungen oder eine Magmenakkumulation in größerer Tiefe hindeuten könnte. Da sich vulkanische Unruhen über Jahre oder sogar Jahrzehnte entwickeln können, könnten die Erdbeben, deren Häufigkeit in den vergangenen Wochen nachgelassen hat, Teil eines längerfristigen Prozesses sein. Ob sie tatsächlich frühe Anzeichen einer bevorstehenden Eruption darstellen, ist allerdings unklar. Zudem ist nicht auszuschließen, dass sich auf einer der anderen Inseln, die in jüngerer Zeit vulkanisch aktiv waren, zuvor ein Ausbruch entwickeln wird.







