
Der verborgene Atem der Vulkane – wie Infraschall neue Einblicke in Entgasungsprozesse liefert
Eine aktuelle Studie des italienischen Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia (INGV), die von Forschenden verschiedener italienischer Universitäten durchgeführt wurde, widmet sich einem oft übersehenen Phänomen: dem kontinuierlichen „Atem“ aktiver Vulkane. Gemeint ist damit die stetige Freisetzung vulkanischer Gase, die selbst in Phasen ohne sichtbare Eruptionen erfolgt. Diese Entgasung ist keine Randerscheinung, sondern eine der häufigsten Ausdrucksformen vulkanischer Aktivität. Sie liefert entscheidende Hinweise auf Prozesse im Untergrund.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Analyse von Infraschallwellen, also Schallsignalen mit sehr niedriger Frequenz, die vom menschlichen Ohr nicht wahrgenommen werden können. Diese entstehen, wenn Gas in pulsierenden Schüben aus dem Fördersystem des Vulkans entweicht. Infraschall entsteht auch bei explosiven Eruptionen, doch die Fachleute können diesen von den Signalen unterscheiden, die von Entgasungen erzeugt werden. Die Forschenden beschreiben dieses Muster als eine Art rhythmisches Signal, vergleichbar mit einem Atemzyklus. Veränderungen in Frequenz, Amplitude oder Regelmäßigkeit können auf strukturelle oder dynamische Veränderungen im magmatischen System hinweisen.

Untersucht wurde der daueraktive Vulkan Stromboli, der seit Jahrtausenden eruptiert und kontinuierliche Entgasungen aus seinem Krater zeigt. Die Entgasungen erfolgen stoßartig mit einer Frequenz von einem Gasstoß pro Sekunde. Dieser Atem des Vulkans wird als „Puffing“ bezeichnet. Pro „Puff“ stößt der Stromboli zwischen 10 und 100 Kubikmeter Gas aus. Die Forscher kombinierten Infraschallsensoren mit Kameras, die im Ultraviolettspektrum aufnehmen. Mit den UV-Kameras lässt sich die ausgestoßene Schwefeldioxid-Menge sichtbar machen und bestimmen. Durch die parallele Erfassung akustischer und visueller Daten gelang es, die Gasfreisetzung nicht nur quantitativ, sondern auch im dynamischen Umfeld zu charakterisieren. Dabei geht es um das Verhalten der Entgasungen im Zeitverlauf und um die zugrunde liegenden Prozesse im Fördersystem:
- kontinuierlich oder pulsierend Freisetzung?
- Regelmäßigkeit von Druckschwankungen („Atemrhythmus“)
- Stärke einzelner Gasimpulse
- Änderung von Frequenz oder Amplitude der Pulse
- Übergänge von ruhiger Entgasung zu explosiver Aktivität
Die Ergebnisse zeigen, dass bestimmte infrasonische Signaturen mit Änderungen im Gasfluss korrelieren. Steigt frisches Magma auf, verändert sich die Gaszusammensetzung und der Druck im Fördersystem, was sich unmittelbar in Veränderungen des Infraschallsignals widerspiegelt. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, kaum wahrnehmbare Veränderungen frühzeitig zu erkennen, noch bevor klassische Warnsignale wie stärkere Seismizität oder Bodenhebung auftreten. Das funktioniert, weil Gas schneller als Magma aufsteigt und lange vor der Schmelze den Krater erreicht.
Die Studie unterstreicht die Bedeutung multiparametrischer Überwachungssysteme in der Vulkanologie. Infraschallmessungen sind relativ robust gegenüber Witterungseinflüssen und können kontinuierlich eingesetzt werden. In Kombination mit Gasanalysen und geophysikalischen Daten entsteht so ein detailliertes Bild der inneren Vulkandynamik.








