Hinweise auf Supervulkan unter England entdeckt: Als Großbritannien noch im Süden lag
Unter dem heutigen Osten Englands verbirgt sich das Relikt eines gewaltigen Vulkansystems, das vor gut 454 Millionen Jahren aktiv war. Eine neue Studie rekonstruiert den sogenannten Wash Igneous Complex (WIC) und kommt zu dem Schluss, dass er eine mögliche Quelle für eine gewaltige Ascheablagerung in Teilen Skandinaviens gewesen sein könnte. Besonders faszinierend ist dabei nicht nur die Entdeckung des uralten Vulkans, sondern auch die Welt, in der er einst ausbrach: Das heutige England lag damals an einem völlig anderen Ort.
Die Studie unter Leitung von Tim C. Pharaoh vom BGS (British Geological Survey) wurde in verschiedenen Medien verbreitet, darunter die BBC. Die in den Schlagzeilen suggerierte Vorstellung, dass es in England den Ausbruch eines Supervulkans gegeben hat, ist zwar grundsätzlich nicht falsch, bedarf aber einer weiteren Einordnung.
Die Eruption ereignete sich im Erdzeitalter Sandbium des Oberordoviziums, lange bevor Dinosaurier die Erde bevölkerten und noch bevor der Superkontinent Pangäa entstand. Der Kontinentalblock, auf dem später England und Wales liegen sollten, gehörte zu Avalonia. Dieser Block war ursprünglich mit Gondwana verbunden, hatte sich aber bereits auf den Weg nach Norden gemacht.
Zwischen Avalonia und dem Kontinentalblock Baltica, zu dem große Teile des heutigen Nordeuropas gehörten, lag damals der Tornquist-Ozean. Gleichzeitig wurde dessen ozeanische Kruste unter Avalonia subduziert. Diese plattentektonische Situation erzeugte einen ausgedehnten Vulkanbogen, der sich vom heutigen Lake District über Ostengland bis zum Brabant-Massiv im heutigen Belgien erstreckte. Der Wash-Igneous-Complex war Teil dieses Vulkanbogens.
Wie gewaltig die damalige Eruption war, lässt sich heute nur noch indirekt rekonstruieren. Die Forscher untersuchten unter anderem Zirkonkristalle aus zwei historischen Bohrkernen in Lincolnshire und Norfolk, die mehr 65 Kilometer voneinander entfernt abgeteuft wurden. Ihre Uran-Blei-Datierungen ergaben ein Alter von etwa 454,4 Millionen Jahren. Dieses stimmt praktisch mit dem Alter der sogenannten Kinnekulle-Tephra im heutigen Skandinavien überein – einer weit verbreiteten und bis zu 1,3 m mächtigen vulkanischen Aschelage, die heute in Schweden, Norwegen und anderen Teilen Baltoskandinaviens zu finden ist.
Auch die chemische Zusammensetzung bestimmter Minerale unterstützt die Verbindung. Die Autoren sehen den Wash-Igneous-Komplex deshalb als einen starken Kandidaten für die Quelle dieser gewaltigen Tephrashicht. Eine endgültige Zuordnung ist allerdings noch nicht bewiesen.
Die geophysikalischen Daten deuten auf ein ausgedehntes, verschachteltes Calderensystem des Ursprungsvulkans hin, das von einem großen Granitkörper unterlagert wird. Das System besaß offenbar das Potenzial für extrem große explosive Eruptionen. Die Forscher vermuten, dass die Kinnekulle-Tephra zumindest teilweise durch eine solche Eruption entstanden sein könnte.

Damit ergibt sich ein spektakuläres Bild, dass man so im heutigen England nicht anzutreffen vermuten würde: Vor 454 Millionen Jahren schleuderte ein Supervulkan des WIC auf Avalonia riesige Mengen Asche in die Atmosphäre. Die Ablagerungen gelangten über den damaligen Tornquist-Ozean bis nach Baltica – in eine Region, die heute zu Skandinavien gehört.
Danach setzte sich die Kontinentaldrift fort. Avalonia kollidierte schließlich mit Baltica und später mit Laurentia, dem Kontinentalblock, aus dem unter anderem große Teile Nordamerikas und Schottlands hervorgingen. Diese Kollisionen waren Teil der kaledonischen Gebirgsbildung und legten einen wesentlichen Grundstein für das geologische Fundament des heutigen Großbritanniens.
Die Eruption selbst war so stark, dass sie medial zurecht mit Superlativen bezeichnet wird. Wissenschaftler ordnen den „Supervulkanausbruch“ als subplinianische Eruption ein, die ein Volumen von mehreren Hundert bis Tausend Kubikkilometern Tephra förderte und damit mit Eruptionen wie dem letzten Yellowstone-Ausbruch nahekommt.
Der Vulkan unter The Wash ist deshalb mehr als ein Relikt einer gewaltigen Eruption. Seine Geschichte erzählt von einer Zeit, in der England noch kein Teil Europas war, wie wir es heute kennen, sondern auf einem wandernden Kontinentalblock südlich des Äquators lag. Zwischen dem Vulkan und dem späteren Skandinavien befand sich ein Ozean – und dennoch können Geologen heute die Spur seiner Asche wiederfinden.
Quelle: Pharaoh et al. (2026), The Wash Igneous Complex of eastern England…, Geological Society of America Bulletin, DOI: 10.1130/B38831.1.
