Island: Neue Studie zum Rifting auf Reykjanes-Halbinsel

Neue Studie belegt bis zu 5 Meter tektonischer Krustendehnung auf Reykjanes in Island – Magma als Mitspieler und nicht als alleiniger Motor deklariert

Während sich der Fokus der Erdbeben- und Vulkanbeobachter in den letzten Tagen von Svartsengi in Richtung Hengill und Langjökull verlagerte, wo zwei intensive Schwarmbeben registriert wurden, die bislang noch nicht vollständig abgeklungen sind, wurde eine neue Studie zum Rifting auf der Reykjanes-Halbinsel veröffentlicht. Sie beleuchtet die tektonischen Prozesse, die mit den Eruptionen im Svartsengigebiet und bei Grindavík einhergingen und könnten auch für die aktuellen Bebengebiete zukunftsweisend sein.



Die Studie kommt zu dem Schluss, dass eine ausgeprägte Krustendehnung zu Rissbildungen führte, die den Aufstieg von Magma erleichterten. Die Rissbildung selbst sei dabei überwiegend tektonisch gesteuert gewesen, wurde jedoch durch magmatische Prozesse verstärkt.

Reykjanes während der Eruption am 8. Februar 2024. Der Schnee betont die NW-SE-streichenden Risssysteme .

Die neue Studie wurde in Geophysical Research Letters veröffentlicht und beleuchtet die geologische Dynamik der Reykjanes-Halbinsel in Island während der Unruhen zwischen 2021 und 2025 neu. Das internationale Forschungsteam analysierte Seismik, Satellitenradar, GPS-Daten und Geländebeobachtungen, um die komplexen Prozesse an der Plattengrenze zu rekonstruieren. Dabei zeigt sich ein Bild, in dem nicht nur Magma, sondern vor allem tektonische Spannungen eine zentrale Rolle spielen.

Spalte in Grindavik

Die Daten belegen, dass sich die Erdkruste auf der Halbinsel im Untersuchungszeitraum insgesamt bis zu 5 Meter auseinanderbewegte, verteilt auf mehrere Rifting-Episoden, über die auch auf Vulkane.net ausführlich berichtet wurde. Besonders markant war die Phase am 10. November 2023, als es im Zusammenhang mit einer Magmenintrusion zu einer starken Bodenverformung kam. In Folge des Ereignisses wurde Grindavik evakuiert und mehrere Gebäude und Straßen zerstört oder beschädigt. Die neuen Datenanalysen weisen auf eine Kombination aus horizontalen Verschiebungen und vertikalen Bewegungen hin, die zunächst durch strike-slip-artige Scherung geprägt war und anschließend in eine Riftöffnung überging – ein Hinweis auf eine komplexe Bruchentwicklung statt eines einfachen magmatischen Schubs. Dennoch prägte eine massive Gangintrusion das Geschehen und besorgte mehr als die eigentliche Rissöffnung auf einer Breite von 1,70 m und einer Bodenabsenkung von bis zu 1 Meter. Modellrechnungen zeigen, dass die Störung auf eine Länge von gut 15 Kilometern vertikal versetzt wurde.
Die Forschenden sind der Meinung, dass diese Beobachtungen die verbreitete Annahme infrage stellen, wonach einzelne Magmaintrusionen in einigen Kilometern Tiefe allein für eruptive Krisen verantwortlich waren. Stattdessen deutet vieles darauf hin, dass sich über längere Zeiträume tektonische Spannungen entlang der Plattengrenze zwischen Eurasien und Nordamerika aufbauten und sich dann episodisch entluden. In diesem Modell reagiert Magma eher auf die Schwächezonen in der Erdkruste, anstatt diese aktiv zu erzeugen und benutzt diese als Aufstiegswege.

Ein weiteres zentrales Studienergebnis betrifft die zeitliche Abfolge der Prozesse: Zunächst traten horizontale Scherbewegungen entlang der Plattengrenze auf, bevor es zu vertikaler Dehnung und Rissbildung kam. Diese Reihenfolge lässt vermuten, dass tektonische Bewegung selbst entscheidend dazu beitragen kann, Aufstiegswege für Magma zu öffnen.

Trotz dieser detaillierten Einblicke enthält die Studie keine eindeutige Prognose für zukünftige Eruptionen. Vielmehr verdeutlicht sie die Schwierigkeit, Deformation in aktiven Riftzonen eindeutig zu interpretieren, da sich tektonische und magmatische Signale stark überlagern können.

Interessanterweise wird der aktuelle Erdbebenschwarm im Grenzbereich zwischen dem Brennisteinfjöll und Hengill-System ebenfalls auf horizontale Scherbewegungen zurückgeführt. In seiner Intensität erinnert das Ereignis an die Vorgänge, die ab 2018 verstärkt im Bereich des westlichen Reykjanes auftraten und dort die Riftingepisoden einleiteten. Da die Geschichte lehrt, dass sich in früheren Eruptionsphasen die Spaltensysteme der Halbinsel nach und nach aktivierten, könnte sich Ähnliches nun bei Hengill zutragen. Auch die Aktivität am Langjökull -der quasi in der Verlängerung der Störungszone von Hengill liegt- deutet entsprechendes an.

In einem RÚV-Interview ordnete der isländische Vulkanologe Þorvaldur Þórðarson die Ergebnisse weiter ein und diskutierte insbesondere die Bedeutung für die Gefahreneinschätzung bei Svartsengi und Grindavík. Er verwies darauf, dass der Magmazustrom in das System seiner Einschätzung nach zuletzt deutlich nachgelassen habe, begleitet von geringerer Hebung und schwächeren Intrusionssignalen im Vergleich zu früheren Unruhephasen. Daraus leite sich die Möglichkeit ab, dass die Wahrscheinlichkeit einer kurzfristigen Eruption derzeit geringer sei als von offizieller Seite kommuniziert, auch wenn vulkanische Systeme grundsätzlich unberechenbar bleiben.

Zugleich stellte Þorvaldur Þórðarson die Frage, ob großräumige Magmagänge tatsächlich bis unter Grindavík und Vogar reichen, wie es bisherige Modelle oft annehmen. Sollte sich ein stärker lokalisiertes Magmasystem bestätigen, müssten bestehende Gefahrenmodelle überarbeitet werden, da diese derzeit stark auf der Annahme basieren, dass Magma direkt unter bewohnten Gebieten vorhanden ist. Eine solche Neubewertung würde die Risikoanalyse der Region grundlegend verändern.

Diese Interpretation steht jedoch neben der eigentlichen Studienarbeit und reflektiert eine persönliche Einordnung der Datenlage. Auch andere beteiligte Forschende, darunter Gregory De Pascale und Halldór Geirsson, arbeiten weiterhin an der Verfeinerung der Deformationsmodelle für die Reykjanes-Halbinsel und können bald vielleicht präzisere Einordnungen liefern.

Quelle der Studie: Fischer, T. J. et al. (2026): Dynamic Coupling Between Faulting, Rifting and Magmatism During 2021–2025 Unrest on Reykjanes Peninsula, Iceland. Geophysical Research Letters, American Geophysical Union (AGU), Wiley. https://doi.org/10.1029/2026GL122058