Türkei: Seltene Nassschneelawine scheidet Dörfer ab

Seltenes Naturphänomen einer Nassschneelawine verursachte möglicherweise Schäden

In der südostanatolischen Provinz Hakkari kam es Mitte März 2026 zu einer großen Nassschneelawine, die zahlreiche Verkehrswege verschüttete und mehrere Dutzend Dörfer vorübergehend von der Außenwelt abschnitt. Der Zustand einiger isolierter Dörfer ist unklar, was in den sozialen Medien mit einem viral gehenden Video Spekulationen zu einer möglichen Naturkatastrophe anheizt. Die Behörden wollen das Geschehen untersuchen und eine Lagebeurteilung erstellen. Verifizierte Berichte über Schäden oder Opfer gibt es nicht. Das Ereignis verdeutlicht ein typisches, aber oft unterschätztes Naturphänomen in hochalpinen Randlagen des Nahen Ostens.

Nassschneelawinen entstehen, wenn sich die Eigenschaften der Schneedecke durch Temperaturanstieg oder Niederschlag verändern. Steigt die Temperatur über den Gefrierpunkt oder dringt Regen in die Schneedecke ein, verliert diese ihre innere Stabilität. Wasser wirkt dabei als Schmiermittel zwischen den Schneekristallen, wodurch die Masse an Kohäsion einbüßt und sich hangabwärts in Bewegung setzt. Im Gegensatz zu trockenen Schneelawinen verlaufen Nassschneelawinen langsamer, dennoch besitzen sie aufgrund ihrer hohen Dichte und Masse ein enormes Zerstörungspotenzial. Sie erscheinen häufig als zähfließende, kompakte Schneemassen, die Täler ausfüllen und Infrastruktur massiv beeinträchtigen können.

Auf dem erwähnten Video – das ich hier aus Gründen der Seitenperformance nur temporär einbinde – sieht man, wie sich die Lawine durch das Tal am Rand eines Hangs zieht, auf dem sich zahlreiche Schaulustige mit ihren Smartphones eingefunden haben, um das Phänomen zu dokumentieren. Im Hintergrund stehen mehrere Gebäude, die von der Lawine um wenige Zehnermeter verfehlt wurden. Ob weiter hangaufwärts bereits Gebäude unter der Lawine verschwunden sind, ist nicht zu erkennen.


Die betroffene Region um das Dorf Akkaya liegt im äußersten Südosten der Türkei, im Grenzgebiet zu Irak und Iran. Morphologisch gehört sie zum östlichen Taurusgebirge, das hier in eine komplexe Gebirgslandschaft übergeht, die tektonisch und topographisch eng mit dem Zagros-System verbunden ist. Steile Hänge, mit tief eingeschnittenen Tälern und großen Höhendifferenzen, prägen das Relief. Viele Siedlungen befinden sich in engen Talräumen oder auf Schwemmfächern, die besonders anfällig für Massenbewegungen sind.

Geologisch ist die Region Teil einer aktiven Kollisionszone zwischen der Arabischen und der Eurasischen Platte. Diese Konvergenz führt seit dem Tertiär zur Hebung und intensiven Deformation des Gebirges. Gefaltetes und überschobenes Sedimentgestein prägen das Landschaftsbild, häufig durchzogen von Störungszonen. Diese geologische Struktur begünstigt instabile Hangverhältnisse, da stark beanspruchte Gesteine leichter verwittern und weniger Widerstand gegen Hangbewegungen bieten. Neben Nassschneelawinen drohen hier also auch Schuttlawinen, die häufig durch Erdbeben ausgelöst werden.

Klimatisch zeichnet sich Hakkari durch kontinentale Bedingungen mit schneereichen Wintern aus. Große Schneemengen können sich über Monate akkumulieren, bevor im Frühjahr ein rascher Temperaturanstieg einsetzt. Diese Übergangsphase ist besonders kritisch für die Entstehung von Nassschneelawinen.

Die aktuelle Nassschneelawine ist somit weniger als außergewöhnliche Katastrophe, sondern vielmehr als Naturphänomen zu verstehen, vorausgesetzt, es sollte sich nicht doch noch herausstellen, dass es zu Schäden gekommen ist.