Unaufhaltsamer Eisstrom am Zhdaniwka wird zum Sinnbild des Kriegsgeschehens in der Ukraine
Es beginnt in den Bergen, fernab der Front. Im westukrainischen Transkarpatien, nahe dem Dorf Zhdeniievo im Bezirk Mukachewo, ereignet sich in diesen Tagen ein ungewöhnliches Naturschauspiel: Ein unaufhaltsamer Strom aus Eis wälzt sich den kleinen Fluss Zhdaniwka hinab. Metergroße Eisschollen, von der Strömung gedrängt, verkeilen sich, brechen auf und schieben sich übereinander – als würde der Winter selbst in Bewegung geraten. Dort, wo sich Eisdämme bilden, die unter dem Druck nachschiebender Massen brechen, wälzen sich Eistsunamis durch die Flussbetten. Videos davon verbreiteten sich schnell in sozialen Netzwerken. Sie wirken archaisch, fast surreal. Und sie stehen sinnbildlich für die eisigen Wochen, die die Ukraine im harten Winter des 4. Kriegsjahres derzeit erlebt.
Das Land steckt mitten in einer der härtesten Kälteperioden seit Jahren. In weiten Teilen der Ukraine fallen die Temperaturen nachts auf minus 20 Grad, lokal werden sogar bis minus 30 Grad gemessen. Was in den Karpaten zu spektakulären Eistsunamis auf den Flüssen führt, wird in den Städten zur existenziellen Belastung. Der Frost trifft ein Land, das durch Jahre des Kriegs ohnehin ausgezehrt ist.
Infolge russischen Terrors gegen die Zivilbevölkerung fällt in Großstädten wie Kiew, Charkiw, Dnipro oder Odesa der Strom tageweise aus, Heizungen bleiben kalt, Warmwasser ist Luxus. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf die Energieinfrastruktur haben ein System geschwächt, das nun unter Extrembedingungen funktionieren muss, was es aber nicht mehr tut. Viele Menschen wärmen sich mit Decken oder improvisierten Öfen. Notwärmestuben sind geöffnet, notdürftig beheizte Schulen und Verwaltungsgebäude dienen als Zufluchtsorte. Der Staat organisiert, repariert, improvisiert – doch der Winter verzeiht keine Schwäche.
Der Frost hat auch eine psychologische Dimension. Er dringt in Wohnungen ein, in Körper und Gedanken. Er macht den Krieg greifbar, selbst dort, wo keine Sirenen heulen. Denn während im Westen des Landes zugefrorene Flüsse idyllisch anmuten, sterben im Osten weiterhin Menschen in Schützengräben, bei Temperaturen, die jede Bewegung verlangsamen und jede Nacht zur lebensgefährlichen Bewährungsprobe machen.
An der Front wirkt der wie eine eigenständige Waffe. Die Kämpfe gehen weiter, langsam, zermürbend. Russische Truppen rücken in manchen Abschnitten nur um wenige Meter vor, werden manchmal von tapferen Ukrainern wieder zurückgedrängt – doch im Endeffekt stehen die Verteidiger auf verlorenem Posten. Militäranalysten sprechen von einem zähen, verlustreichen Vormarsch ohne Durchbruch, aber mit stetigem Druck. Es ist kein Sturm, eher ein Schieben und Drängen. Wie der Eisstrom auf der Zhdaniwka: langsam, schwer, aber unaufhaltsam. So empfinden viele Ukrainer den Krieg in diesem Winter nicht als plötzliche Katastrophe, sondern als dauerhafte, kalte Bedrohung.
