Weitere stärkere Erdbeben in den Campi Flegrei möglich – Evakuierung problematisch
Die Erde unter den Campi Flegrei kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Erdbeben der Magnitude 4,7 vom 31. Juli, dem stärksten instrumentell registrierten Ereignis seit Beginn der aktuellen Bradyseismus-Krise, warnt Lucia Pappalardo, Direktorin des Osservatorio Vesuviano in Neapel, vor weiterer Seismizität. Auch stärkere Erdbeben könnten auftreten. Wann und mit welcher Magnitude sie kommen, lässt sich allerdings nicht vorhersagen.

Damit stellt sich für die rund um Pozzuoli lebenden Menschen eine essentielle Frage: Wie gut wäre die Stadt im Ernstfall tatsächlich evakuierbar? Der nationale Katastrophenschutz sieht für den Fall einer vulkanischen Eskalation die Räumung der roten Zone vor: Eine halbe Million Menschen müssten innerhalb von 72 Stunden aus dem Gebiet gebracht werden. Doch bereits die jüngsten Erdbeben haben gezeigt, wie empfindlich die Infrastruktur reagiert. Nach dem Beben vom 31. Juli wurde der Hafen von Pozzuoli zeitweise geschlossen. Zudem sorgt aktuell die Galleria Monte Corvara zwischen Pozzuoli und Quarto für Aufmerksamkeit: Nach den jüngsten Erschütterungen wurde dort ein möglicherweise instabiler Felsblock oberhalb des Tunnels festgestellt. Sollte so ein Felsen bei einem Erdbeben auf die Straße stürzen, wäre der Fluchtweg blockiert.
Nicht besser sieht es mit dem Hafen aus, einem wichtigen Drehkreuz in Evakuierungsszenarien. Seit August sollen schwere Fahrzeuge mit mehr als 3,5 Tonnen, die zu den Inseln Ischia und Procida transportiert werden, von Neapel aus eingeschifft werden; leichtere Fahrzeuge können weiterhin Pozzuoli nutzen. Die Maßnahme zeigt, dass der Bradyseismus und seine Folgen inzwischen auch den normalen Hafenbetrieb beeinflussen. Zum einen sind die Kaimauern instabil geworden, zum anderen wird das Wasser durch die Hebung der Küste immer seichter, so dass große Schiffe kaum noch anlegen können. Da die Hebung weiter anhält, spitzt sich die Situation weiter zu, eine Lösung der Probleme ist nicht in Sicht.
Das aktuelle INGV-Wochenbulletin für den Zeitraum 3. bis 9. August registriert 39 Erdbeben, davon 22 mit Magnitude Md ≥ 0,0. Das stärkste erreichte Md 1,3. Gleichzeitig hält die Bodenhebung an: Seit Februar liegt die mittlere Hebungsrate im Bereich maximaler Deformation bei etwa 10 ± 3 Millimetern pro Monat. Daran änderte auch das starke Beben vom 31. Juli nichts. An der GNSS-Station RITE in Pozzuoli summiert sich die Hebung seit Januar 2025 auf rund 30 Zentimeter.
Auch die Geophysik folgt den bekannten Trends: Das INGV beschreibt weiterhin eine Erwärmung und Druckzunahme des hydrothermalen Systems sowie langfristig erhöhte Fluidflüsse. Die BG-Fumarole in der Solfatara erreichte zuletzt rund 173 °C, während die Temperatur der Hauptfumarole in Pisciarelli bei etwa 95 °C lag. Trotz der anhaltenden Unruhe sieht das Observatorium derzeit keine Anzeichen für eine signifikante kurzfristige Veränderung des vulkanischen Zustands.
Aus den Daten und Beobachtungen folgt, dass weitere, möglicherweise stärkere Erdbeben möglich sind – ihr Zeitpunkt und ihre Stärke sich aber nicht vorhersagen lassen. Im Falle einer Evakuierung ist ein schneller Erfolg nicht garantiert.