Campi Flegrei: Tausende protestierten nach Erdbeben

Nach Erdbeben Md 4,7 in den Campi Flegrei: Angst, Wut und Proteste erschüttern Pozzuoli

Vier Tage nach dem Erdbeben der Magnitude 4,7 kommt die Region der Campi Flegrei nicht zur Ruhe, was allerdings weniger tektonisch als menschlich begründet ist. Während Einsatzkräfte weiterhin beschädigte Gebäude überprüfen und zahlreiche Familien noch immer nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können, wächst unter den Einwohnern von Pozzuoli die Wut über das – in ihren und in meinen Augen – schlechte Krisenmanagement. Am Dienstag entlud sich diese Unzufriedenheit in einem Protestmarsch, an dem mehr als tausend Menschen teilnahmen. Die Demonstranten zogen bis zum Hafen von Pozzuoli, wo sie den Fährverkehr blockierten. Sie forderten ein entschlosseneres Eingreifen des Staates und verlangten, dass Vertreter der Bürger an den Beratungen der Präfektur beteiligt werden.



Proteste im Hafen

Das Erdbeben vom 31. Juli war das stärkste, das die Region bislang erschütterte. Die Erschütterungen stehen mit der anhaltenden Bodenhebungsphase des Calderavulkans Campi Flegrei im Zusammenhang und selbst wenn Wissenschaftler keinen unmittelbar bevorstehenden Vulkanausbruch erkennen können, hat das Beben die Sorgen vieler Menschen verstärkt. Zahlreiche Gebäude wurden beschädigt, mehrere Dutzend Häuser als unbewohnbar eingestuft. Zirka 330 Bewohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Viele Betroffene beklagen lange Wartezeiten bei den Sicherheitsüberprüfungen sowie Unsicherheit darüber, wann sie in ihre Häuser zurückkehren können. Zeitgleich trauen sich viele Hausbesitzer vor Angst eines Totalverlustes ihres Wohneigentums überhaupt keine Überprüfungen zu beantragen.

Viele Anwohner fühlen sich seit Jahren mit den Risiken des offiziell als Bradyseismos bezeichneten Phänomens allein gelassen. Sie kritisieren schleppende Hilfsmaßnahmen und fehlende Vorsorge für eine Region, die von anhaltenden Bodenhebungen, Erdbeben und gesundheitsschädlichem Gasausstoß betroffen ist. Viele Bewohner der Region sind überzeugt, dass der Zustand ihrer Häuser schlecht ist: Die seit Jahren anhaltende Krise schwächt die Bausubstanz, die oft bereits mehrere Jahrhunderte alt ist, zusehends. Die Menschen sind überzeugt: Eines Tages kommt ein noch stärkeres Erdbeben, das ihre Häuser zu Todesfallen werden lässt.

Felssturz

Zusätzlichen Zündstoff liefert nun eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft Neapel. Die Ermittler gehen Hinweisen nach, dass dringend notwendige Sicherungsarbeiten an den Steilhängen von Pozzuoli über Jahre verschleppt wurden. Nach italienischen Medienberichten standen für die Stabilisierung gefährdeter Felswände elf Millionen Euro bereit, die aber offenbar nicht eingesetzt wurden. Ausgerechnet nach dem jüngsten Erdbeben kam es an mehreren Hängen zu Felsabbrüchen, bei denen Gesteinsmassen auf Straßen stürzten und Fahrzeuge zerquetschten. Es war reines Glück, dass dabei keine Menschen getötet wurden.

Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, könnte dies die ohnehin angespannte Stimmung weiter aufheizen. Für viele Einwohner wäre dies der Beleg, dass bekannte Gefahren trotz vorhandener Finanzmittel nicht rechtzeitig entschärft wurden. Die Justiz will nun klären, ob bürokratische Verzögerungen oder Versäumnisse dafür verantwortlich sind.

Bereits gestern kam es zu Protesten vor dem Amphitheater von Pozzuoli, das vom Minister für Kultur, Giuli, besucht wurde. Doch er stellte sich den Fragen der aufgebrachten Bürger nicht.

Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen, dass die Krise in den Campi Flegrei längst nicht mehr nur eine geologische ist. Neben den anhaltenden Erdbeben, Bodenhebungen und Gasaustritten rücken nun – wie nach jedem der Erdbeben mit Magnituden ab 4 – Fragen nach politischer Verantwortung, Katastrophenvorsorge und dem Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen in den Mittelpunkt. Doch eine Lösung der Probleme zeichnet sich ein weiteres Mal nicht ab. Und so bleibt der Bradyseismos eine schleichende Naturkatastrophe, die in einem gewaltigen Desaster mit Ansage enden könnte. Die zur Problemlösung Verantwortlichen machen das, was sie immer machen: Bürger vertrösten, Verantwortung delegieren und abwarten, in der Hoffnung, dass sich die Probleme von selbst lösen.