Campi Flegrei: Wachsende Angst nach Erdbeben unter dem Vulkan

Erdbebenkarte (M ab 2,0) des EMSC verortet das Beben Md 4,7 (großer roter Punkt oberer Bildrand) anders als das INGV (blauer Punkt an der Solfatara). © EMSC

Signifikante Schäden durch das stärkste Erdbeben der aktuellen Hebungsphase der Campi Flegrei – Verletztenzahlen steigen auf 21

Datum: 31.07.2026 | Zeit: 17:46:44 UTC | Koordinaten: 40.8315 ; 14.1402 | Tiefe: 2,6 km | Md 4,7

Das Erdbeben der Magnitude 4,7, das sich am Freitagabend um 19:46 Uhr nördlich der Solfatara bei Pozzuoli ereignete, hat die Anwohner der Campi Flegrei ein weiteres Mal in Angst und Schrecken versetzt. Das wissenschaftlich betrachtet als mittelstark einzustufende Beben war das stärkste instrumentell registrierte Erdbeben in der Region seit Beginn der modernen Überwachung des Vulkangebiets und löste in weiten Teilen des Großraums Neapel nicht nur Panik aus, sondern auch Zweifel an Sicherheitskonzepten und der Risikoeinstufung. Das Hauptbeben war Teil eines ausgedehnten Erdbebenschwarms, der nach Angaben des INGV mehr als 70 Einzelbeben umfasste. Drei davon erreichten Magnituden von mehr als 3,0, zahlreiche weitere Erschütterungen lagen im Bereich zwischen Magnitude 2 und 3. Viele Bewohner verbrachten die Nacht im Freien oder in ihren Fahrzeugen, weil sie weitere starke Erschütterungen befürchteten.

Wer sich die Mühe macht und die Daten zu den Erdbeben selbst auswertet, erkennt, dass die offiziellen Zahlen überholt sind. Bis heute Vormittag registrierten die Seismografen mehr als 360 Erdbeben. 194 Beben waren zu schwach, um lokalisiert oder eingestuft zu werden. Bei 169 Erschütterungen konnte eine Magnitude bestimmt werden. Neben dem einen Beben Md 4,7 gab es 5 Beben mit Magnituden im Dreierbereich und 12 Erschütterungen im Zweierbereich. Aufgrund der geringen Tiefe der Hypozentren und der besonderen Struktur der Caldera sind selbst die Beben im Zweierbereich oft spürbar. Die Seismizität hält weiter an und hat das Potenzial, sich zum größten Erdbebenschwarm der aktuellen Bodenebnungsphase zu entwickeln, die bereits 2005 begann. Seitdem hob sich der Boden der Campi Flegrei um bis zu 1,67 m an. Der Prozess, der von Tausenden Erdbeben jährlich begleitet wird, destabilisierte bereits zahlreiche Häuser und stärkere Erdbeben mit Magnituden an 4,0 richteten bereits früher sichtbare Schäden an.

Das tatsächliche Ausmaß der Schäden des aktuellen Erdbebens Md 4,7 wurde erst in den letzten Stunden sichtbar. Während am Freitagabend zunächst lediglich von vier Verletzten berichtet worden war, korrigierten die Behörden ihre Angaben inzwischen deutlich nach oben. Nach aktuellem Stand wurden 21 Menschen verletzt, darunter zwei Personen schwer. Die meisten Verletzungen entstanden durch herabfallende Fassadenteile, Glassplitter oder Stürze während der panischen Flucht aus Gebäuden.

Besonders betroffen war die Stadt Pozzuoli. Mehrere Wohnhäuser erlitten schwere Schäden, zwei bereits leerstehende Gebäude stürzten teilweise ein. Ein weiteres Wohngebäude musste geräumt werden und gilt vorerst als unbewohnbar. Zahlreiche weitere Häuser weisen Risse und statische Schäden auf und werden derzeit von Ingenieuren überprüft. Viele Bewohner wissen weiterhin nicht, ob sie in ihre Wohnungen zurückkehren können, und beschweren sich, dass die Überprüfungen so lange dauern. Dabei muss man berücksichtigen, dass es eine große Anzahl an Gebäuden gibt, die überprüft werden müssen. Generell ist die betagte Bausubstanz von Pozzuoli alles andere als erdbebensicher und wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, verspürt auch in ruhigen Zeiten den Drang, einen Helm zu tragen.

Ein Helm wird künftig auch für jene Menschen empfehlenswert sein, die sich in der Nähe steiler Tufffelsen befinden, von denen es im Bereich der Campi Flegrei viele gibt, denn sie dürften durch die Abbrüche nachhaltig destabilisiert worden sein. Besonders an der Hangflanke entlang der Via Cigliano lösten sich mächtige Tuffblöcke und Geröllmassen, die mehrere geparkte Autos unter sich begruben und Straßen blockierten. Der Hangrutsch schnitt zeitweise auch mehrere Wohnhäuser von der Außenwelt ab. Weitere große Gesteinsbrocken lösten sich in der Via Pergolesi und stürzten auf parkende Fahrzeuge. Auch entlang der Küste gab es zahlreiche Felsstürze.

Im Hafen von Pozzuoli wurden Schäden an einem Kai festgestellt, der daraufhin aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde. Die Sperrung beeinträchtigt den Fährverkehr zu den Inseln Ischia und Procida. Mehrere Verbindungen mussten verlegt oder umorganisiert werden, wodurch es insbesondere zu Beginn des Ferienwochenendes zu Verzögerungen kam. Für den Tourismus auf Ischia bedeutet dies eine zusätzliche Belastung, da der Hafen von Pozzuoli eine der wichtigsten Anlaufstellen für den Personenverkehr vom Festland ist.

Obwohl die Einsatzkräfte schnell Notunterkünfte öffneten und hunderte Feldbetten einrichteten, verbrachten zahlreiche Menschen die Nacht in ihren Fahrzeugen. Viele der aus ihren Häusern Geflüchteten waren sich unsicher, ob ihre Häuser noch sicher sind.

In den italienischen Medien wird inzwischen erneut die Frage gestellt, ob die Region ausreichend auf eine solche Krise vorbereitet ist. Im Mittelpunkt der Debatte stehen die Sicherheit öffentlicher Gebäude, der Zustand vieler Wohnhäuser sowie die Evakuierungsplanung. Besonders kritisch wird diskutiert, dass in den gefährdeten Gebieten weiterhin Großveranstaltungen wie der America’s Cup im nächsten Jahr geplant werden, obwohl die Bradyseismus-Krise seit Jahren anhält. Bereits nach den letzten stärkeren Erdbeben, von denen sich das letzte im Mai dieses Jahres ereignete, wurde gefordert, die Alarmstufe von Gelb auf Orange zu erhöhen, wodurch staatliche Gelder für Evakuierungsmaßnahmen freigegeben werden müssten.

Ein Fanpage-Interview mit dem Vulkanologen Giuseppe De Natale, Forschungsdirektor am INGV, das er ausdrücklich als persönliche wissenschaftliche Einschätzung kennzeichnete, sorgt aktuell für Aufmerksamkeit. De Natale weist darauf hin, dass der seit Jahrzehnten andauernde Hebungsprozess deutliche Parallelen zu jener Entwicklung aufweist, die 1538 im Ausbruch des Monte Nuovo gipfelte. Daraus lasse sich zwar nicht ableiten, dass ein neuer Ausbruch unmittelbar bevorstehe, doch langfristig betrachtet ließe sich ein solcher nicht ausschließen.

Der Vulkanologe warnt ausdrücklich davor, die Gefahr in den Campi Flegrei zu unterschätzen oder sich von ruhigeren Phasen täuschen zu lassen. Kurzfristige Schwankungen der seismischen Aktivität änderten nichts am langfristigen Trend der Bodenhebung und der zunehmenden Spannungen im Untergrund. Deshalb müsse die Bevölkerung auf sämtliche denkbaren Szenarien vorbereitet werden – von weiteren starken Erdbeben bis hin zu einem möglichen Vulkanausbruch, dessen Wahrscheinlichkeit zwar gering sei, aber nicht ausgeschlossen werden könne. Seine zentrale Botschaft lautet, dass Vorsorge nicht erst dann beginnen dürfe, wenn sich die Situation weiter zuspitzt. Gerade in Phasen vergleichsweise geringer Aktivität müssten Schutzmaßnahmen, Gebäudesanierungen und Evakuierungspläne konsequent vorangetrieben werden, damit die Region auf zukünftige Krisen besser vorbereitet ist.