Katastrophale Sturzflut nach Gletscherbruch im Himalaya: Hunderte Tote und mehr als 1.500 Vermisste
Eine gewaltige Sturzflut hat das Grenzgebiet zwischen Nepal und China verwüstet und verursachte eine der stärksten Naturkatastrophen, die Nepal und Tibet in den letzten Jahren heimsuchte. Durch die Katastrophe vom 26. August sind in Nepal mindestens 469 Menschen ums Leben gekommen. Drei weitere Tote wurden auf der chinesischen Seite im tibetischen Gyirong-Kreis gemeldet. Mehr als 1.500 Menschen gelten in beiden Ländern als vermisst. Allein Nepal meldet 977 Vermisste, in Tibet sind es 558. Unter den Vermissten befinden sich mehr als 500 Ausländer aus über 30 Ländern, darunter zahlreiche Touristen und Pilger. Acht der Vermissten stammen aus Deutschland.

Nach bisherigen Erkenntnissen wurde das Ereignis durch einen massiven Eis- und Felsabbruch am 7227 m hohen Berg Langtang Lirung ausgelöst. Der Abbruch manifestierte sich auf mehr als 5.000 Metern Höhe, von wo aus eine gewaltige Masse aus Gestein, Eis und Schnee ins Tal stürzte. Der Schuttstrom traf den Lhende-Fluss und setzte eine Kettenreaktion in Gang: Wasser und Sedimente wurden flussabwärts durch das Bhote-Koshi- und Trishuli-Tal gerissen. Die Flut zerstörte Dörfer, Brücken, Straßen, Kraftwerke und Teile der wichtigen Verbindungsstraße zwischen Nepal und Tibet. Der US Geological Survey spricht von einem Debris-Flow, der sich über eine Länge von fast 100 Kilometern ausbreitete.
Besonders aufschlussreich sind neue Satellitenaufnahmen. Erste Bilder hatten den Eindruck vermittelt, ein Teil des Gletschers am Langtang Lirung sei einfach abgebrochen. Schärfere Aufnahmen zeigen nun offenbar ein wesentlich größeres Ereignis: Nicht nur Eis, sondern auch der darunterliegende Felsuntergrund versagte. Der Berg riss einen großen Teil des Gletschers mit und setzte dadurch enorme Mengen an Gestein und Eis frei. Auf Vorher-Nachher-Aufnahmen ist das Ausmaß der Zerstörung entlang des Flusstals deutlich erkennbar: Auch der Grenzübergang Rasuwagadhi wurde schwer getroffen.
Für Verwirrung sorgte zunächst ein Erdbebensignal. Die Erschütterung wurde anfangs als Erdbeben der Stärke 4,4 interpretiert. Nach der Analyse des USGS handelte es sich jedoch nicht um einen tektonischen Vorgang, der wohlmöglich den Felssturz auslöste, sondern es entstand durch die gewaltige Massenbewegung selbst und entsprach energetisch etwa einem Beben der Magnitude 5,2.
Die Rettungsarbeiten bleiben gefährlich. Oberhalb der betroffenen Gebiete hat sich durch die Geröllmassen ein See gebildet, dessen Wasser inzwischen über die natürliche Barriere läuft. Behörden befürchten eine weitere Flutwelle und mussten die Sucharbeiten zeitweise unterbrechen. Damit droht der Region nach der ersten Katastrophe eine zweite Überschwemmung. Aufgrund neuer Regenfälle wurden die Rettungsarbeiten vorübergehend eingestellt.
Die Folgen reichen weit über die unmittelbaren Schäden hinaus. Rasuwa und das Langtang-Gebiet sind wichtige Zentren des Trekking- und Pilgertourismus. Gleichzeitig führt über den betroffenen Korridor eine bedeutende Route nach Tibet, die unter anderem von Reisenden zum heiligen Berg Kailash genutzt wird. Straßen und Brücken sind zerstört, der Grenzübergang ist schwer beschädigt. Für lokale Hotels, Restaurants, Träger, Guides und Transportunternehmen bedeutet die Katastrophe damit einen schweren wirtschaftlichen Schlag. Die Region steht vor der doppelten Herausforderung, Menschen zu retten und eine zentrale Lebensgrundlage des Himalaya-Tourismus wiederaufzubauen.

Vorläufige Analysen von Forschenden des GFZ-Potsdam gehen davon aus, dass ein an einer steilen Felswand hängender Gletscher zusammen mit dem darunterliegenden Fels versagt hat. Die Eis- und Gesteinsmassen stürzten mit enormer Geschwindigkeit talwärts. Durch Reibung und die mechanische Zerstörung schmolz offenbar ein großer Teil des Eises praktisch augenblicklich. Das Schmelzwasser vermischte sich mit Fels, Geröll und Sediment und verwandelte den Abbruch in einen extrem schnellen Schlamm- und Geröllstrom. Das GFZ errechnet Geschwindigkeiten von etwa 40–50 m/s, also mehr als 130 km/h, mit denen sich die Massen talwärts bewegten.
Was genau zu der Massenbewegung führte, ist Gegenstand geowissenschaftlicher Untersuchungen. Dass der Klimawandel an dem Ereignis beteiligt war, kann noch nicht nachgewiesen werden, aber es gilt die Annahme, dass er durch das Schmelzen des Permafrostes das Risiko solcher Abbrüche erhöht.