Ungewöhnliches Schwarmbeben im Langjökull-System auf Island deutet auf große Spannungen im Untergrund hin
Die Erdbebenserie im Südwesten des zentralisländischen Langjökull-Systems, zu dem mehrere Vulkane und Fissuren gehören, hat sich in der Nacht zum Donnerstag deutlich intensiviert. Um 23:08 UTC ereigneten sich kurz hintereinander zwei deutlich spürbare Erdbeben der Magnituden 3,8 und 3,3. Die Herdtiefen lagen bei etwa vier Kilometern und damit relativ flach – in einem Tiefenbereich, in dem sich häufig Magma akkumuliert, in dem aber auch tektonische Erdbeben auftreten können. Es folgten weit über 150 schwächere Erschütterungen.

Dennoch würde ich in diesem Fall weniger von Haupt- und Nachbeben sprechen als vielmehr von der Eskalation eines Schwarmbebens, das bereits Anfang Mai nordwestlich des Þórisjökull am Rand des Langjökull-Gebiets begonnen hatte. Nach Angaben des Isländischen Wetteramtes (IMO) handelt es sich um die stärksten Erschütterungen in diesem Gebiet seit Mai 2008.
Schaut man sich die Erdbebenkarte des IMO im Detail an, erkennt man, dass die Beben entlang einer nordost-südwestlich streichenden Bruchstufe auftreten, der auch der Fluss Geitá folgt und an der sich mehrere kleine Seen gebildet haben. Allein die Morphologie belegt, dass hier eine Störungszone verläuft, die Teil der westlichen Vulkan- und Riftzone Islands ist. Entlang dieser divergenten Plattengrenze bewegen sich die Eurasische und die Nordamerikanische Platte voneinander weg, wodurch aufsteigendem Magma aus dem Erdmantel der Weg erleichtert wird. Entsprechend zahlreich sind die Vulkane entlang dieser Plattengrenze.

Doch nicht nur tektonische Prozesse begünstigen den Magmenaufstieg. Auch der Island-Mantelplume spielt eine wichtige Rolle, da er von unten gegen die ozeanische Kruste drückt und diese im Bereich Islands aufwölbt. Obwohl die Seismizität an dieser Stelle vordergründig tektonischen Ursprungs zu sein scheint, könnte dennoch Magma involviert sein – entweder als treibende Kraft oder als „Lückenfüller“ in neu entstandenen Bruchstrukturen. Das hier nur dünn ausgebaute GNSS-Netz zeigt allerdings keine Bodendeformationen an, was gegen einen unmittelbar bevorstehenden Vulkanausbruch spricht.
Anders verhält es sich am zweiten großen isländischen Erdbeben-Hotspot, der in den vergangenen Tagen für Unruhe sorgte: Das Schwarmbeben an der Grenze zwischen den Spaltensystemen von Hengill und Brennisteinsfjöll brachte inzwischen fast 1.400 Erschütterungen hervor. Obwohl die Aktivität inzwischen nachgelassen hat, treten weiterhin Erdbeben auf. Hier zeigt die Messstation NVEL am Nordrand des Gebiets eine Subsidenz von rund 25 Millimetern an, die bereits im April einsetzte. Die Bodendeformation hat auch eine Horizontalkomponente, die zeigt, dass sich die Kruste dehnt. Auch dort scheint derzeit kein Vulkanausbruch unmittelbar bevorzustehen. Trotz der leichten Absenkung könnten die Schwarmbeben Frühindikatoren für tiefe Magmaakkumulationen oder Fluidumlagerungen sein, die von der Divergenz getriggert wird – ähnlich wie in den Jahren vor der vulkanischen Aktivität am Fagradalsfjall und bei Sundhnúkur im Svartsengi-Gebiet.
Am Langjökull könnte der gleichnamige Zentralvulkan selbst aktiviert werden, der unter dem Gletscher verborgen liegt. Mit ihm assoziiert ist das Prestahnúkur-Vulkansystem, das nur etwa fünf Kilometer nordöstlich der aktuellen Erdbeben liegt. In vergleichbarer Entfernung befindet sich auch der Þórisjökull, ein gletscherbedeckter Tafelvulkan.
Die Entwicklung am Langjökull zählt zu den bemerkenswertesten geologischen Ereignissen auf Island in diesem Frühjahr. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, in welche Richtung sich die Situation entwickelt.