Sturzflut nach Starkregen reißt Wanderwege und Brücken im Grand Canyon weg – mindestens 1 Todesopfer und 15 vermisste Personen
Am Wochenende hat eine plötzlich einsetzende Sturzflut Teile des bekannten Grand Canyon in den USA überflutet. Mindestens ein Mensch kam ums Leben, 15 weitere Personen gelten derzeit als vermisst oder nicht auffindbar, so dass die Zahl der Todesopfer weiter steigen könnte. Mehr als 60 Menschen mussten per Hubschrauber aus dem Canyon ausgeflogen werden. Die Katastrophe steht offenbar auch mit den Folgen des verheerenden Dragon-Bravo-Waldbrandes im Zusammenhang, der letzten Sommer große Teile der Vegetation am Nordrand des Grand Canyon zerstörte.

Die Katastrophe nahm am Samstag, dem 29. August, ihren Anfang, als schwere Gewitter über den Grand Canyon zogen, und starke Regenfälle niedergingen. Gegen 14:30 Uhr Ortszeit setzte im Bereich von Bright Angel Canyon und Phantom Ranch eine Sturzflut ein, die zahlreiche Wanderer überraschte. Augenzeugen berichteten von plötzlich einsetzender Panik, als Menschen vor dem Wasser auf höher gelegene Bereiche flüchteten.
Eine der Betroffenen, Nikki Baggs, berichtete der BBC, sie habe mit zwei Freunden gerade ihre Unterkunft in der Phantom Ranch bezogen, als sie von den Wassermassen überrascht wurden. Ranger hätten die Menschen mehrfach aufgefordert, weiter auf höheres Gelände zu flüchten. Erst Stunden später konnten die ersten Betroffenen evakuiert werden.
Obwohl die Katastrophe überraschte, war es eine mit Ansage: Große Teile der Wassereinzugsgebiete am North Rim des Canyons waren im vergangenen Jahr vom Dragon-Bravo-Waldbrand verwüstet worden. Das Feuer zerstörte nicht nur die historische Lodge am North Rim, die ich im Vorjahr noch besucht hatte, sondern veränderte die Beschaffenheit der Bodenoberflächen. Nach solchen Bränden kann Regenwasser nicht mehr ausreichend vom Boden aufgenommen werden und fließt daher schnell an der Oberfläche ab, weil Pflanzen und organisches Material fehlen, die Wasser normalerweise zurückhalten.
Dadurch können selbst relativ kurze Starkregenereignisse enorme Wassermengen mobilisieren. Gleichzeitig werden lockeres Gestein, Asche und Sedimente erodiert und mitgerissen. Aus einer Sturzflut kann so innerhalb kürzester Zeit ein hochgefährlicher Schlamm- und Geröllstrom entstehen, der langsamer abfließt als eine bloße Wasserflut und dadurch höhere Pegel erreicht, was sich insbesondere in Schluchten dramatisch auswirkt.
Nach Angaben des National Park Service wurden durch die Sturzflut nahezu alle Fußbrücken über den Bright Angel Creek zerstört. Große Felsblöcke und Trümmer wurden bis in den Colorado River transportiert. Auch die wichtige Transcanyon-Waterline wurde beschädigt, die große Teile der Infrastruktur am Grand Canyon mit Wasser versorgt.
Mindestens 62 Menschen konnten mit Hubschraubern aus dem Canyon ausgeflogen werden. Nahe Crystal Rapids wurde zudem die Leiche eines 46-jährigen Mannes geborgen. Etwa 15 Personen werden weiterhin vermisst, weshalb die Opferzahlen steigen könnten.
Die Behörden warnen unterdessen vor weiteren Gewittern und möglichen Sturzfluten. Der Grand Canyon bleibt in den betroffenen Bereichen gesperrt. Die aktuelle Katastrophe zeigt eindrücklich, wie stark sich die Gefahrenlage nach Waldbränden verändern kann: Ein Starkregenereignis, das unter normalen Bedingungen möglicherweise weniger dramatische Folgen hätte, kann auf einer ausgebrannten Fläche innerhalb kürzester Zeit eine lebensgefährliche Flutwelle erzeugen.