Timmy der Buckelwal – der nächste sinnlose Rettungsversuch

 

Gestrandeter Buckelwal „Timmy“: Rettungsversuch zwischen Hoffnung und Realität

An der Ostseeküste sorgt der gestrandete Buckelwal „Timmy“ seit Wochen für Aufmerksamkeit und teils emotionale Diskussionen und Aktionen. Das Tier liegt seit Tagen in sehr flachem Wasser nahe der Küste der Ostseeinsel Poel und ist offenbar nicht mehr in der Lage, sich aus eigener Kraft in tiefere Gewässer zu bewegen. Trotz seines geschwächten Zustands haben Helfer einen aufwendigen Rettungsversuch gestartet, der Fragen nach seiner Sinnhaftigkeit aufwirft und das Tier wahrscheinlich nicht mehr retten wird. De facto liegt „Timmy“ im Sterben und Aktivisten und Selbstdarsteller lassen das Tier nicht los.

Vor Ort versuchen Einsatzkräfte und Freiwillige, den Wal am Leben zu halten. Dazu wird er regelmäßig mit Wasser übergossen, um die bereits stark geschädigte Haut vor dem völligen Austrocknen zu schützen. Gleichzeitig laufen Vorbereitungen für eine aufwendige Bergungsaktion, die u.a. vom Mediamarktgründer Walter Gunz finanziert wird: Mit Luftkissen, Pontons und schwerem Gerät soll der Körper des Tieres angehoben und möglichst schonend zurück ins tiefere Wasser der Nordsee transportiert werden.

Die Aktion ist allerdings umstritten. Meeresbiologen gehen davon aus, dass Strandungen bei Großwalen häufig kein zufälliges Ereignis sind, sondern ein Symptom eines bereits schlechten Gesundheitszustands. Wale stranden oft, wenn sie krank, geschwächt oder desorientiert sind. Daher ist die Ursache der Strandung entscheidend für die Erfolgsaussichten einer Rettung – und diese sind meistens gering, wenn das Tier bereits über längere Zeit im flachen Wasser liegt.

Darüber hinaus ist Timmy von seinem langen Aufenthalt in der Ostsee geschwächt: Der Salzgehalt des flachen Meeres ist zu niedrig, zu fressen findet er praktisch nichts, überdies wurden Verletzungen an seinem Körper entdeckt und ein Fischernetz, das sich um die Barten in seinem Maul gewickelt hat, so dass er praktisch nicht fressen kann, selbst wenn er auf genug Krill und kleine Schwarmfische stoßen würde.

Im Fall von „Timmy“ wird daher auch diskutiert, ob eine Rettung überhaupt noch sinnvoll ist. Kritiker sprechen von einem gut gemeinten, aber möglicherweise belastenden Eingriff, der dem Tier zusätzlichen Stress verursacht, ohne seine Überlebenschancen zu verbessern. Befürworter hingegen argumentieren, dass ohne Eingriff keine Chance besteht und daher jeder Versuch gerechtfertigt sei. Die Denkweise einer Gesellschaft, die jegliche Akzeptanz des Todes verloren hat und lieber Qualen in Kauf nimmt als den Tod, der in letzter Instanz zu jedem Lebewesen, aber auch zu unbelebten Objekten, ja dem ganzen Universum kommt!

Generell stellt sich auch die Frage, ob sich der Wal möglicherweise bewusst in flaches Wasser begeben hat, um dort zu sterben oder sich zu erholen? Diese Vorstellung – manchmal als „gezieltes Strandverhalten“ oder „Terminal Beaching“ bezeichnet – wird in der Öffentlichkeit diskutiert, ist wissenschaftlich aber noch nicht bewiesen.

Nach heutigem Forschungsstand gibt es keine überzeugenden Belege dafür, dass Wale aktiv und absichtlich stranden, um ihr Lebensende zu erreichen oder zu gesunden. Wahrscheinlich ist eine Kombination aus Krankheit, Schwäche und Navigationsproblemen schuld am wiederholten Stranden des Wals. Besonders bei Arten wie Buckelwalen kann es vorkommen, dass sie in Küstennähe Beute verfolgen oder sich in flachen, komplexen Gewässern orientieren müssen, wo Fehler im Echolotsystem leichter auftreten. Wenn zusätzlich gesundheitliche Probleme bestehen, können die Tiere die Rückkehr in tiefere Gewässer nicht mehr schaffen.

Aus meiner Perspektive tut man dem Wal mit einem weiteren Rettungsversuch keinen Gefallen. Aber was treibt die Retter an? Vielleicht eine Mischung aus Schuldgefühlen, Mitleid und Selbstdarstellung? Hier wird alles unternommen, um ein einzelnes Tier zu retten, man vergisst aber, dass wir alle dazu beitragen, den Lebensraum Ozean zu zerstören. Täglich verschwinden durch das Handeln des Menschen zwischen 10 und 150 Arten auf der Erde, viele, bevor sie überhaupt entdeckt wurden. Studien zeigen, dass die Rate zwischen 100 und 1000 Mal höher ist als vor den massiven Eingriffen des Homo sapiens in die Biosphäre unseres Planeten. Der Mensch ist die größte Katastrophe, die dem Planeten passieren konnte, und hat bereits ein weiteres großes Massensterben ausgelöst.

„Timmy“ ist ein Opfer dieses Wirkens, denn neben Wunden, die vermutlich von Schiffsschrauben stammen, dem Fischernetz in seinem Maul und der Orientierungslosigkeit, die oft vom Lärm des Schiffsverkehrs verursacht wird, sind die Schuld des Menschen. Also wird „Timmy“ zum Sinnbild der menschlichen Schuld und des Scheiterns, im Einklang mit seiner Umwelt zu leben. Vielleicht ein Grund für den Aktionismus und die große Aufmerksamkeit für das Schicksal eines Tieres, das noch vor 150 Jahren einfach zu Lampenöl verarbeitet worden wäre. Und nein, auch das ist kein Weg aus der Energiekrise!