Wie die Felsen vom Central Park die Wolkenkratzer von New York City tragen
Den Jahreswechsel 2025/26 verbrachte ich mit meiner Familie in Washington, D.C., und in New York City, einfach um die Metropolen der US-Ostküste einmal erlebt zu haben, bevor es aufgrund der sich anbahnenden neuen Weltordnung bald vielleicht nicht mehr möglich bzw. viel teurer sein wird.
Bei einem Spaziergang durch den verschneiten Central Park fielen mir die vielen Felsen auf, die hier besonders am Südwestende kleine Hügel bilden. Mein geübtes Auge identifizierte sofort eine Wechsellage von Gneis und Schiefer und entdeckte die typischen langgestreckten Schleifspuren, die die eiszeitlichen Gletscher hier hinterlassen haben. Die Eisbedeckung der nördlichen Ostküste der heutigen USA begann vor gut 115.000 Jahren und dauerte 100.000 Jahre. In dieser Zeit wurde das mehrere hundert Meter mächtige Deckgebirge aus Sand-, Ton- und Kalkstein abgetragen, bis das deutlich härtere kristalline Grundgebirge offen lag. Darüber hinaus prägte die Eiszeit die heutige Topografie der Gegend am Hudson River.
Während der über eine Milliarde Jahre alte Gneis aus Granit magmatischen Ursprungs hervorging, bringt es der Schiefer immerhin noch auf gut 500 Millionen Jahre. Beide Gesteine wurden während mehrerer Gebirgsbildungsphasen stark gefaltet und unter hohem Druck umgewandelt. Diese Gesteine sind nicht bloß Überreste der Erdgeschichte, sondern das tragende Fundament einer der höchsten Skylines der Welt.
Als europäische Siedler im 17. Jahrhundert die Insel Manhattan erreichten, ahnten sie nichts von der tiefen geologischen Bedeutung des Untergrunds. Dennoch profitierte die frühe Stadtgründung indirekt davon. Der Hudson River, dessen Tal durch tektonische Schwächezonen vorgegeben war und nach der Eiszeit vom Meer überflutet wurde, bildete einen tiefen, geschützten Naturhafen. Harte, widerstandsfähige Gesteine sorgten für stabile Ufer und gut schiffbare Fahrrinnen. Diese Kombination machte New York früh zu einem idealen Handelsplatz und später zu einem globalen Hafen.
Die wahre Bedeutung des Grundgebirges zeigte sich jedoch erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Hochhausbaus. Wolkenkratzer benötigen ein festes Fundament, das die enormen Lasten moderner Stahlbetonkonstruktionen tragen kann. In Manhattan liegt das Grundgestein in Midtown und Downtown vergleichsweise hoch, sodass die Fundamente der Gebäude direkt auf Schiefer und Gneis gegründet werden konnten. Das ermöglichte nicht nur höhere Bauwerke, sondern auch wirtschaftlich vertretbare Baukosten. Wo das Grundgestein tiefer liegt, entstanden hingegen weniger Hochhäuser ‐ ein geologischer Einfluss, der sich bis heute im Stadtbild ablesen lässt.
So verbindet sich im Central Park Erdgeschichte mit Stadtgeschichte. Die uralten Felsen unter den Füßen der Spaziergänger tragen nicht nur Bäume und Wege, sondern letztlich auch die Skyline New Yorks. Die Metropole verdankt ihren Aufstieg nicht allein menschlichem Ehrgeiz und technischer Innovation, sondern ebenso den stillen, massiven Kräften der Geologie, die lange vor der ersten Stadtmauer den Grundstein legten.