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Der Ätna ist Europas mächtigster Vulkan. Mit einer Höhe von 3352 Metern dominiert er weithin sichtbar die Ostküste Siziliens (Karte). Immer wieder trägt sich an seinen Flanken Dramatisches zu: Erdbeben erschüttern die Region, Aschewolken verdunkeln den Himmel, und Lavaströme zerstören Häuser hoch oben am Vulkan. So verwundert es nicht, dass der Ätna in der Antike als Wohnsitz verschiedener Götter galt. Erst spät kamen die Menschen dahinter, was die unheimlichen Naturphänomene in Wirklichkeit hervorruft. Der Untergrund Siziliens ist alles andere als stabil. Im Mittelmeer südlich der Insel verläuft die Plattengrenze zwischen Afrika und Europa. Ein Teil der Afrikanischen Platte schiebt sich unter den europäischen Kontinent und wird im Erdmantel aufgeschmolzen. Entlang der Westküste Italiens schiebt sich der Gebirgsrücken des Apennin auf. Dies führt zu einer Host- und Grabenstruktur mit einem Rift. Entlang der Nordküste Siziliens verläuft die Comiso-Messina-Störung, an der einst die Straße von Messina absackte und auf diese Weise Sizilien vom Festland trennte. Neben diesen beiden senkrecht aufeinander treffenden Störungszonen gibt es im Grundgebirge des Ätna noch weitere, lokale Verwerfungen. Diese komplexe tektonische Situation begünstigt die Entstehung und den Aufstieg von Magmen. Zudem treten entlang der Störungszonen immer wieder starke Erdbeben auf - wie jenes vom 28. Dezember 1908. Bei diesem großen "Beben von Messina" starben mehr als 100.000 Menschen. Die Menschen auf Sizilien leben mit der ständigen Bedrohung durch Naturkatastrophen. Selbst Palermo, die Hauptstadt Siziliens bleibt davon nicht verschont.
Vor 600.000 Jahren setzte der Vulkanismus im Bereich des heutigen Ätna ein. Zuerst manifestierte er sich an der Küste bei Aci Trezza. Die Kyklopenfelsen vor der Küste sind basaltische Schlotpfropfen eines erodierten Vulkans. Die Entstehung des eigentlichen Ätna begann vor ca. 100.000 Jahren, zu Beginn des Quartärs. Der Ur-Ätna förderte bereits Trachybasalte und Trachyandesite, ähnlich wie der heutige Vulkan. Am Ur-Ätna wanderte das eruptive Zentrum allmählich westwärts, bis in der Gegend des heutigen Valle del Bove der explosive Stratovulkan Trifoglietto 1 entstand. Er wurde später vom effusiv tätigen Trifoglietto 2 abgelöst. Der Ätna in seiner heutigen Gestalt entstand erst vor gut 3000 Jahren, als sich die vulkanische Tätigkeit erneut nach Westen verlagerte. Nach dem großen Ausbruch von 1669 stürzte der damalige Zentralkrater ein. Die auf diese Weise entstandene Caldera füllte sich infolge einer Serie kleinerer Ausbrüche mit Eruptivmaterial. Es bildete sich die Hochebene Piano del Lago. 1788 begann der heutige Zentralkegel emporzuwachsen. An seiner Basis hat er heute einen Durchmesser von 1000 Metern, am Gipfel von 500 Metern. Er erhebt sich 400 Meter über die Hochebene. Bei einem großen Ausbruch 1911 entstand der Nordost-Kegel. Im zentralen Komplex öffnete sich 1968 die Bocca Nuova; zwei Jahre später hatte dieser neue Krater bereits einen Durchmesser von 100 Metern. Die Voragine, der eigentliche Hauptkrater, wurde durch einen schmalen Grat von der Bocca Nuova getrennt. Im Verlauf der starken Gipfeltätigkeit in den Jahren 1999 und 2000 verfüllte sich die Bocca Nuova zum großen Teil; es blieben zwei kleinere Krater übrig. Der schmale Grat zwischen Voragine und dem nordwestlichen Krater kollabierte, sodass sich ein großer Krater bildete. Die größten Veränderungen ereigneten sich in den vergangenen Jahren am Südwestkrater. Seine Geburtsstunde war im Jahr 1979; seitdem ist aus der ursprünglichen Spalte ein mehr als 300 Meter hoher Kegel mit mehreren Förderschloten geworden. Die Aktivität der vergangenen Jahre konzentrierte sich auf diesen Krater. An seinen Förderschloten am Gipfel gab es mehrere paroxysmale Eruptionsphasen. Aus Spalten an seiner Flanke flossen Lavaströme; die meisten von ihnen suchten sich ihren Weg in das unbewohnte Valle del Bove.
In den Jahren 2001, 2002 und 2003 kam es zu großen Flankeneruptionen, bei denen auch einige Häuser zerstört wurden. Da viele von ihnen ohne offizielle Baugenehmigung errichtet wurden und die Eigentümer sich meistens keine Gebäudeversicherung für Elementarschäden leisten konnten, fehlen die Gelder für den Wiederaufbau. So trifft es die Menschen hier besonders hart. Es entstanden zwei große Kraterkegel abseits des zentralen Komplexes. Einer von ihnen verschüttete ein Gebäude auf der Hochebene Piano del Lago (genauer gesagt am so genannten Torre del Filosofo). Der andere Parasitärkegel entstand nordöstlich der oberen Seilbahnstation, die bei der Eruption 2001 um ein Haar zerstört worden wäre. Diese beiden Eruptionen wurden von besonders heftigen phreatischen Explosionen begleitet; sie förderten eine wasserreiche Lava-Art, wie sie der Ätna zuletzt vor mehreren tausend Jahren hervorgebracht hatte. Vulkanologen sehen darin ein Anzeichen dafür, dass sich der Charakter des Ätna verändert - weg von einem gutmütigen Vulkan und hin zu einem explosiven Vulkan mit hohem zerstörerischem Potenzial. Während der eruptiven Phase 2002/2003 bewegte sich zudem der Osthang des Vulkans um zwei Meter nach unten; diese Absackung fand an einer Störungszone statt, die in Richtung Valle del Bove verläuft. In vorhistorischer Zeit war es hier bereits zu einem großen Hangrutsch gekommen, der den Steilhang des Valle del Bove schuf. Ein Erdbeben verursachte während der eruptiven Phase 2002/2003 große Schäden in den Dörfern auf der Vulkanflanke. Die nördliche Touristenstation, die Casa Cantoniera, wurde vollständig unter Lava begraben. Für den Tourismus auf der Nordseite des Ätnas war das ein herber Rückschlag. Zum Glück können Urlauber auf ein stetig wachsendes Angebot an Ferienwohnungen in Italien zurückgreifen.
Im November 2006 ereignete sich eine spektakuläre Spaltenöffnung auf der Flanke des Südost-Krater-Kegels. Ungewöhnlich war bei diesem Ereignis die Generierung eines pyroklastischen Stromes. Zusammen mit Chris Weber von VEI dokumentierte ich diesen Ausbruch aus nächster Nähe und filmte kleinere Surges auf Video.
Im Frühjahr 2008 begann eine neue, eruptive Phase, bei der Lavaströme aus einer Spalte am Fuße des Südostkraters quollen und ins Valle del Bove flossen. Die Eruption hielt auch im Januar 2009 noch an. In diesem Zusammenhang ereignete sich im Dezember 2008 ein tragischer Unfall, bei dem unser Kollege Thomas Reichardt ums Leben kam. Er rutschte auf einer vereisten Fläche im Valle del Bove aus und stürzte zu Tode.
Seismische Messungen ergaben, dass sich das Magma unterhalb des Ätna in drei Magmakammern sammelt. Die größte von ihnen befindet sich in ca. 30 Kilometern Tiefe; eine zweite Magmakammer liegt ca. zehn Kilometer darüber. Die dritte und kleinste Magmakammer liegt nur zwei Kilometer unterhalb des Gipfels; dort liegt der eigentliche Vulkan auf dem Grundgebirge auf. Diese Magmakammer hat eine schwammartige Struktur: Das Magma sammelt sich in Poren oder kleinen Taschen im Gestein. Phasen anhaltender Tätigkeit zeugen von einem offenen Schlotsystem und einem mehr oder weniger hohen Magmastand im Förderschlot. Steht das Magma tief, dampft der Vulkan nur; bei hohem Magmastand kommt es zu strombolianischen Ausbrüchen in den Zentralkratern. Bei einem Ungleichgewicht dieses Zustandes ereignen sich laterale Flankeneruptionen; dann sucht sich das Magma - ausgehend vom zentralen Förderschlot - seinen Weg entlang bestehender Störungszonen im Vulkan. Bei exzentrischen Ausbrüchen sucht sich das Magma unabhängig vom zentralen Fördersystem einen Weg. Es entsteht dann ein neuer Vulkan auf der Flanke des Ätna. Die Ausbrüche, bei denen solche Parasitärkrater entstehen, fördern meist große Magmamengen, und es kommt zu starken Explosionen.Bei einem dieser Ausbrüche öffnete sich 1669 ein Spaltensystem tief unten am Vulkan. Bei Nicolosi, ungefähr an der Basis des eigentlichen Vulkans, bildeten sich auf einer Spalte insgesamt sieben Parasitärkrater. Lavaströme zerstörten den Ort Malpasso und schlugen sogar eine Schneise durch Catania, bevor die Lava ins Meer floss. Bei diesem Ausbruch entleerte sich die oberste Magmakammer so weit, dass der Zentralkrater einsackte. Der Ätna zählt zu den am besten erforschten Vulkanen der Welt. Er befindet sich in einer dicht besiedelten Gegend, und seine Lavaströme gefährden das Hab und Gut von Tausenden. Die größte Gefahr geht aber von einem potenziellen Hangrutsch aus, bei dem die gesamte Ostflanke des Vulkans abscheren und zahlreiche Städte unter sich begraben könnte. Aufgrund der besonderen Struktur der Magmakammer und der Entwicklung des Magmas an sich gestaltet sich eine exakte Vorhersage von Eruptionen schwierig. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass kontinuierlich alkalibasaltisches Magma aus dem Bereich des oberen Erdmantels aufsteigt und sich dabei langsam entgast. Es verursacht bei seinem Aufstieg nur wenige seismische Erschütterungen. Die lange Verweildauer des Magmas in der oberen Magmakammer und im offenen Förderschlot erschwert weitere Messungen. Erst wenn sich Magma einen neuen Weg bahnt und eine Flankeneruption zu erwarten ist, erhalten die Wissenschaftler die untrüglichen Anzeichen für einen bevorstehenden Ausbruch.
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