Campi Flegrei: Diskussionen um die Sicherheit

Schwarmbeben in den Campi Flegrei umfasst inzwischen 440 Erdbeben und entfacht erneute Diskussionen um die Sicherheit – weitere Schäden im Eisenbahntunnel entdeckt

Das starke Erdbeben der Magnitude 4,7, das die süditalienische Caldera Campi Flegrei am Abend des 31. Juli erschütterte, markiert den bisherigen Höhepunkt einer seismovulkanischen Krise, die bereits im Jahr 2005 begann. Sie eskalierte in zwei klar erkennbaren Phasen in 2018 und 2023. Seit Beginn der jüngsten Phase traten erstmals Erdbeben mit Magnituden im Viererbereich auf, die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur verursachten. Bereits im Juni vergangenen Jahres wurden Schäden an einer der beiden Bahnstrecken bekannt, die den Golf von Pozzuoli mit Neapel verbinden und den Monte Olibano zwischen Küste und Solfatara in zwei voneinander getrennten Tunneln durchqueren. Heute wurde berichtet, dass durch den jüngsten Erdstoß weitere Schäden festgestellt wurden.

Bahnlinien

Besonders prekär ist die Situation, weil der nördliche der beiden Tunnel, durch den die Metrolinie 2 verläuft, zwar keine baulichen Schäden aufweist, jedoch aufgrund extrem hoher Kohlendioxidkonzentrationen bereits Mitte Juni gesperrt wurde. Damit fiel eine der wichtigsten Schienenverbindungen nach Neapel aus. Die weiter südlich verlaufende Cumana-Linie, die nach dem Erdbeben im Juni 2025 bereits sieben Monate lang gesperrt gewesen war, übernahm anschließend einen Teil des Passagieraufkommens der Metrolinie 2. Nach dem jüngsten Erdbeben wurde jedoch auch ihr Tunnel vorsorglich geschlossen. Die anschließenden Untersuchungen enthüllten ein weiteres Mal Schäden, sodass die Strecke ersteinmal außer Betrieb bleibt. Damit sind derzeit beide wichtigen Bahnverbindungen zwischen Pozzuoli und Neapel unterbrochen.

Während der Tunnel der Metrolinie 2 (Galleria Monte Olibano) bereits 1920 errichtet wurde – also zu einer Zeit, als die Campi Flegrei keinen aktiven Bradyseismos aufwiesen –, entstand der Tunnel der Cumana-Linie entlang der Küste erst in den späten 1980er Jahren. Er wurde somit nach der Bradyseismos-Krise von 1982 bis 1984 fertiggestellt, die zur Evakuierung der Altstadt von Pozzuoli geführt hatte.

Beide Tunnel verlaufen durch die geologisch äußerst instabile Struktur des Monte Olibano, eines vulkanischen Körpers aus Tuffen, pyroklastischen Ablagerungen und domartigen Intrusionen. Die zahlreichen Felsstürze an den steilen Tuffhängen der Campi Flegrei infolge des jüngsten Erdbebens verdeutlichen die geringe Stabilität dieses Gemenges vulkanischer Gesteine.

Über bauliche Schäden an der Galleria Monte Olibano der Metrolinie 2 ist bislang nichts bekannt geworden. Das Problem der hohen Kohlendioxidkonzentrationen besteht jedoch weiterhin und verhindert eine Wiederaufnahme des Betriebs.

Eine gute Nachricht gibt es dennoch aus Pozzuoli: Die Schäden am Kai des Fährhafens fielen offenbar geringer aus als zunächst befürchtet. Der Fährverkehr zu den Inseln konnte inzwischen wieder aufgenommen werden.

Erdbeben© INGV

Diese positive Entwicklung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, vor welch enormen Herausforderungen die Campi Flegrei stehen. Das größte Problem besteht darin, dass Erdbeben nach wie vor nicht vorhersagbar sind. Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass jederzeit Erdbeben im niedrigen Fünfer-Magnitudenbereich auftreten könnten. Der Unterschied zwischen einem Erdbeben der Magnitude 4,7 und einem der Magnitude 5,2 ist dabei wesentlich größer, als die Differenz von lediglich 0,5 Magnitudeneinheiten vermuten lässt. Aufgrund der logarithmischen Magnitudenskala würde ein Erdbeben der Magnitude 5,2 etwa fünf- bis sechsmal mehr Energie freisetzen als das jüngste Beben. Gleichzeitig wären die Bodenbewegungen mehr als dreimal so stark, sodass deutlich schwerere Schäden zu erwarten wären. Hinzu kommt, dass die Tiefe des Hypozentrums, die Bruchmechanik der betrroffenen Störung und die Beschaffung des Untergrundes mit beeinflussen, wie stark sich ein Erdbeben an der Oberfläche auswirkt. Das kann bei gleicher Magnitude zu unterschiedlichen Bodenbeschleunigung führen und damit zu stark voneinander abweichenden Kräften, die auf Gebäude einwirken.

Berücksichtigt man zudem, dass die anhaltende Bodenhebung und Tausende schwächerer Erdbeben – alleine der aktuelle Schwarm besteht aus mehr als 440 Erschütterungen – die Bausubstanz bereits seit Jahren kontinuierlich schwächen, könnten selbst nur geringfügig stärkere Erschütterungen katastrophale Folgen haben.

Hinzu kommt die latente Gefahr eines Vulkanausbruchs sowie die schwierige Frage, ab welchem Grad der Vorwarnzeichen eine Evakuierung eingeleitet werden sollte. Um Fehlalarme zu vermeiden, dürfte diese Schwelle vergleichsweise hoch angesetzt sein. Die Hoffnung der Vulkanologen besteht darin, einen sich anbahnenden Ausbruch wewnigstens drei Tage im Voraus zu erkennen.

Derzeit lässt sich allerdings weder sagen, ob es in absehbarer Zeit zu einem Vulkanausbruch kommen wird, noch wie groß ein solcher ausfallen könnte. Fest steht lediglich, dass sich in Tiefen von mehr als acht Kilometern eine größere Magmaansammlung befindet. Unklar bleibt, wie schnell Magma von dort in flachere Bereiche aufsteigen kann.

Angesichts der schwer kalkulierbaren Entwicklung wird erneut intensiv über die Sicherheit in den Campi Flegrei und die Frage diskutiert, wann die Alarmstufe Orange ausgerufen werden sollte. Die Direktorin des INGV Neapel, Lucia Pappalardo, stellte in einem Fernsehinterview klar, dass die Vulkanwarnstufe vorerst auf Gelb bleibt und der Vulkan weiterhin engmaschig überwacht wird.