Erdbebenschwarm im Hengill-System erschüttert Südwesten von Island – stärkste Erschütterung war in Reykjavik spürbar
Nachdem ich bereits heute Morgen über ein mittelstarkes Erdbeben am Kolbeinsey-Rift nordwestlich von Island berichtet habe, folgt nun ein zweiter Bericht zu den aktuellen seismischen Aktivitäten auf der Insel: Ein Erdbebenschwarm im Vulkansystem Hengill hat zahlreiche Erschütterungen im Südwesten Islands ausgelöst. Die seismische Aktivität begann kurz vor 7 Uhr Ortszeit westlich von Húsmúli auf der Hellisheiði-Hochebene und konzentrierte sich auf ein Gebiet zwischen dem Geothermalkraftwerk Hellisheiðarvirkjun und Litla Kaffistofan. Bis zum Abend registrierte das Isländische Wetteramt mehr als 130 Erdbeben.

Die stärkste Erschütterung manifestierte sich um 17:15 Uhr und erreichte eine Magnitude von 3,3. Mehrere weitere Beben lagen knapp unter Magnitude 3. Nach Angaben der Behörden wurden die stärksten Erschütterungen nicht nur in den umliegenden Gemeinden, sondern auch im Hauptstadtgebiet von Reykjavík deutlich wahrgenommen. Die meisten Hypozentren lagen in Tiefen zwischen zwei und fünf Kilometern.
Von den bislang erfassten Erdbeben hatten 87 eine Magnitude von weniger als 1, weitere 28 lagen zwischen den Magnituden 1 und 2. Neun Erschütterungen erreichten Werte zwischen 2 und 3, während lediglich ein Beben die Marke von Magnitude 3 überschritt. In diesem Bereich liegt die theoretische Wahrnehmbarkeitsgrenze. Ob ein Erdbeben tatsächlich gespürt wird, hängt jedoch auch von der Tiefe des Hypozentrums ab. Das Hypozentrum des stärksten Bebens lag in nur 3,3 Kilometern Tiefe und damit relativ oberflächennah, weshalb die Erschütterung stärker wahrgenommen wurde, als es die Magnitude allein vermuten ließe.
Tektonisch betrachtet handelt es sich um einen typischen Schwarm im Hengill-System, das an der Schnittstelle der Westlichen Vulkanzone und der Südisländischen Transformzone liegt. In diesem Bereich treffen Dehnungsbewegungen entlang des Mittelatlantischen Rückens auf seitliche Verschiebungen der Erdkruste. Die dabei entstehenden Spannungen werden regelmäßig durch kleinere Bruchbewegungen entlang von Störungen freigesetzt. Solche Schwärme sind im Hengill-Gebiet häufig und stehen nicht zwangsläufig in direktem Zusammenhang mit aufsteigendem Magma, auch wenn ein magmatischer Einfluss derzeit nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. Ebenso wenig lässt sich ein anthropogener Einfluss auf die Seismizität infolge des Betriebs des nahe gelegenen Geothermalkraftwerks ausschließen.
Die räumliche Konzentration der Beben westlich von Húsmúli sowie ihre überwiegend geringen Magnituden sprechen derzeit eher für eine tektonische Ursache. Vergleichbare Schwärme wurden zuletzt im Juni 2024 registriert. Hinweise auf eine bevorstehende Eruption liegen nach aktuellem Kenntnisstand nicht vor. Die Entwicklung der Aktivität wird jedoch weiterhin aufmerksam überwacht, da das Hengill-System zu den aktivsten geothermischen und tektonischen Regionen Islands zählt.
Das eingangs erwähnte Erdbeben vom heutigen Morgen wurde inzwischen einheitlich auf die zunächst vom EMSC veröffentlichten Werte korrigiert. Damit gilt die Magnitude 4,9 nun als bestätigt.