Große Schäden in der Hauptstadtregion Venezuelas – steigende Opferzahlen befürchtet
Nach den beiden starken Erdbeben der Magnituden Mw 7,5 und Mw 7,1, die den Norden Venezuelas am späten Abend des 24. Juni (europäischer Zeit) erschütterten, ist mit deutlich steigenden Opferzahlen zu rechnen. Vor Ort war es zum Zeitpunkt der Naturkatastrophe 18:05:14 Uhr, also einer Zeit, in der sich noch viele Menschen auf der Arbeit aufhielten oder auf dem Heimweg waren.

Das Ausmaß der Schäden, insbesondere in der rund 160 Kilometer von den Epizentren entfernten Hauptstadt Caracas, ist weitaus größer als zunächst vermutet. In sozialen Medien verbreitete Aufnahmen zeigen große Wohnblöcke, die wie Kartenhäuser in sich zusammengestürzt sind. Einige Gebäude gerieten zudem in eine bedrohliche Schieflage. Auch der Internationale Flughafen wurde stark beschädigt und musste geschlossen werden. Zudem fiel regional der Strom aus und der Verkehr kam zum Erliegen.
Während offizielle Berichte bislang von 32 Todesopfern und 700 Verletzten sprechen, werden Tausende Menschen vermisst und unter den Trümmern vermutet. Die Rettungskräfte sind rund um die Uhr im Einsatz und bergen sowohl Tote als auch Überlebende.
Bereits frühe Analysen des USGS hatten auf ein hohes Schadenspotenzial mit Tausenden möglichen Opfern hingewiesen. Inzwischen wird in den Medien spekuliert, dass es sogar hunderttausende Todesopfer gegeben haben könnte.
Auffällig ist, dass die beiden Starkbeben bislang keine nennenswerte Zahl von Nachbeben hervorgebracht haben. Dies deutet auf die besondere tektonische Situation der Erdbebenregion hin.
Erdbeben entstanden in einem tektonische komplexen Transformsystem

Detaillierte Analysen zeigen, dass sich die beiden Erdbeben an zwei unterschiedlichen, jedoch parallel verlaufenden Ästen des komplexen und verzweigten El-Pilar–Boconó–San-Sebastián-Störungssystems einer Transformzone ereignet haben. Die Störungen verlaufen entlang der Karibikküste und gehen in das Küstengebirge über und setzen sich schließlich bis in die nördlichen Anden fort. Die Erdbeben manifestierten sich in einer Übergangszone der unterschiedlich geprägten tektonischen Einheiten: Während die Anden in erste Linie durch Kollision und Subduktion der Nazca-Platte unter Südamerika geprägt sind, kommt es im Norden Venezuelas zu einer komplexen Wechselwirkung entlang von seitlich verschiebenden Transformstörungen mit der Karibikplatte.
Ungewöhnlich sind auch die unterschiedlichen Herdtiefen der Beben. Zunächst ereignete sich das etwas schwächere Mw-7,1-Beben in einer Tiefe von zehn Kilometern. Dieses verursachte wahrscheinlich Coulomb-Spannungsübertragungen auf den südlich verlaufenden Störungsast und löste dadurch einen Kaskadeneffekt aus.
Die Komplexizität des Störungssystems legt nahe, dass an anderen Störungen ebenfalls große Spannungen vorhanden sind, die sich kurz bis mittelfristig in weitern Erdbeben entladen könnten.
Dass derart große Schäden entstanden sind, ist nicht allein auf die Stärke der Erdbeben zurückzuführen. Eine wichtige Rolle spielte auch das Caracas-Becken, in dem die Hauptstadt liegt. Die weichen Sedimente der Beckenfüllung könnten die Erdbebenwellen verstärkt haben, die zusätzlich an den Beckenrändern reflektiert wurden. Solche geologischen Becken sind häufig von besonders schweren Erdbebenschäden betroffen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele der eingestürzten Gebäude eine mangelhafte Bausubstanz aufwiesen und keineswegs erdbebensicher errichtet worden waren.
Weiterführender Link: Erste Meldung zum Erdbeben