Neue Studie zeigt, wie sich Fehlinformationen über Vulkane verbreiten – und warum selbst wissenschaftlich fundierte Warnungen häufig missverstanden werden
Vulkanausbrüche sorgen regelmäßig für spektakuläre Bilder und große mediale Aufmerksamkeit. Gleichzeitig verbreiten sich häufig Behauptungen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Eine im August 2026 im Journal of Applied Volcanology veröffentlichte Arbeit von Janine B. Krippner und zahlreichen weiteren Vulkanologen untersucht systematisch die häufigsten Missverständnisse über Vulkanismus. Die Autoren – unter ihnen auch der deutschstämmige Boris Behncke vom INGV – identifizieren 18 typische Irrtümer in sechs Themenbereichen und zeigen anhand von sieben Fallbeispielen, wie Fehlinformationen während realer Vulkanunruhen entstehen.

Die Arbeit ist dabei keine neue Mess- oder Modellierungsstudie, sondern eine wissenschaftliche Analyse von Vulkan-Kommunikation. Die Forscher werteten unter anderem 375 Medienberichte aus, die während Phasen großer internationaler Aufmerksamkeit erschienen. Ihre zentrale Erkenntnis: Vereinfachungen, Gerüchte und spektakuläre Fehlinterpretationen können sich wesentlich schneller verbreiten als wissenschaftliche Korrekturen. Besonders soziale Medien und der permanente Nachrichtenzyklus verstärken diesen Effekt.
Eine der wichtigsten Fehlvorstellungen betrifft die Seismizität. Eine zunehmende Zahl von Erdbeben bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Vulkan unmittelbar ausbrechen wird. Umgekehrt kann die Erdbebenaktivität unmittelbar vor einer Eruption deutlich zurückgehen. Die Autoren warnen deshalb ausdrücklich davor, öffentlich zugängliche Seismogramme isoliert zu interpretieren. Für eine belastbare Einschätzung müssen unter anderem Erdbebentiefe, Magnitude, Erdbebentyp, Deformation, Gasemissionen und weitere Messungen berücksichtigt werden. Selbst überwachte Phasen seismischer Unruhe münden häufig nicht in einer Eruption.
Besonders eindrucksvoll zeigt dies der Agung auf Bali. Nach Beginn der Unruhe im August 2017 nahm die Seismizität zwischen dem 14. und 22. September drastisch zu. Die Behörden erhöhten die Warnstufe auf die höchste Stufe 4 und leiteten Evakuierungen ein. Dennoch setzte die Eruption nicht unmittelbar ein. Der Vulkan blieb mehr als drei Monate in Unruhe, bevor am 21. November der Ausbruch begann. Gerade diese Verzögerung sorgte für Verwirrung und Zweifel an den wissenschaftlichen Warnungen.
Während der Krise wurden außerdem Gasaustritte und meteorologische Wolken teilweise als Eruptionswolken interpretiert. Bilder und Videos des Sinabung wurden fälschlich als Aufnahmen des Agung verbreitet. Auch Laien interpretierten öffentlich zugängliche Seismogramme und Radarinterferogramme und leiteten daraus eigene Prognosen ab. Zeitweise entstand sogar der Eindruck, eine Eruption könne die gesamte Insel Bali gefährden. Tatsächlich konzentrierten sich die unmittelbaren Gefahren auf die Umgebung des Vulkans.
Infokasten: Sechs häufige Irrtümer über Vulkane
1. Erdbeben und Seismologie
Mehr Erdbeben bedeuten nicht automatisch einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch. Auch eine Abnahme der Seismizität kann einer Eruption vorausgehen. Tektonische Erdbeben lösen nur in seltenen Fällen kurzfristig einen Vulkanausbruch aus.
2. Vulkane und Klima
Vulkane können das Klima beeinflussen, kehren den menschengemachten Klimawandel aber nicht einfach um. Auch gibt es keinen eindeutigen Beleg dafür, dass der Klimawandel weltweit zu mehr Vulkanausbrüchen führt.
3. Vulkansysteme und Strukturen
Der „Ring of Fire“ ist kein einzelner geschlossener Vulkangürtel. Auch die Vorstellung großer, klar abgegrenzter Magmakammern ist eine starke Vereinfachung. Magma bewegt sich häufig durch komplexe Netzwerke und Gänge.
4. Vulkanische Gefahren
Vulkanasche ist kein Rauch. Lava- und pyroklastische Ströme sind grundlegend verschiedene Gefahren und lassen sich nicht einfach beliebig umlenken. Auch bei Asche sind die Auswirkungen auf Gesundheit und Wasserversorgung differenziert zu betrachten.
5. Zeitmaßstäbe und Vorhersagen
Ein Vulkan ist nicht „überfällig“, nur weil er lange nicht ausgebrochen ist. Auch eine zunehmende Aktivität bedeutet nicht zwangsläufig eine bevorstehende Eruption. Vulkanologen können Wahrscheinlichkeiten und Szenarien bestimmen, aber einen Ausbruch nicht immer exakt vorhersagen.
6. Fotos und Videos
Bilder und Videos werden bei Vulkanunruhen häufig falsch zugeordnet. Aufnahmen eines anderen Vulkans können innerhalb kürzester Zeit als angebliche aktuelle Eruption verbreitet werden – wie 2017 beim Agung auf Bali, als Videos des Sinabung fälschlich als Agung-Ausbruch ausgegeben wurden.
Hinzu kamen sprachliche Probleme. Der Begriff „lahar“ wurde bei Übersetzungen aus dem Indonesischen teilweise fälschlich als „cold lava“ wiedergegeben. Dadurch entstanden in internationalen Medien irreführende Vorstellungen über die tatsächliche Gefahr.
Die Autoren sehen deshalb eine wichtige Aufgabe darin, wissenschaftliche Informationen bereits vor einer Krise verständlich zu vermitteln. Vertrauen zwischen Wissenschaftlern, Behörden, Medien und Bevölkerung müsse langfristig aufgebaut werden. Während einer Krise sei es wesentlich schwieriger, einmal entstandene Gerüchte wieder zu korrigieren.
Die Studie liefert damit weniger neue Erkenntnisse über einzelne Vulkane als vielmehr eine wichtige Botschaft für den Umgang mit Vulkanrisiken: Vulkanische Aktivität lässt sich nicht anhand eines einzelnen Signals oder einer spektakulären Beobachtung beurteilen. Entscheidend ist die Kombination verschiedener Daten – und eine Kommunikation, die Unsicherheiten ehrlich vermittelt, ohne Gefahren zu verharmlosen oder unnötig zu dramatisieren.
Statement zur Arbeit der Vulkanologen
Als Vulkanjournalist und Fotograf fühle ich mich von der Arbeit der Vulkanologen natürlich selbst angesprochen und muss den Forschern in vielen Punkten zustimmen. Viele der Falschmeldungen und Fehlinterpretationen werden tatsächlich in sozialen Medien von Leuten verbreitet, die schnell möglichst viele Klicks generieren wollen, ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit. Die meisten seriösen Journalisten versuchen sich letztendlich an die Fakten zu halten, obwohl natürlich viele Geschichten spannender erzählt werden als sie tatsächlich sind, was hilft, das Interesse beim wissenschaftlichen Laien zu wecken. Ich persönlich meine, dass es wichtig ist, sich an Fakten zu halten. Es sollte allerdings keine Rolle spielen, die stärkst möglichen Eruptionen mit einem Superlativ zu belegen und wissenschaftliche Erklärungen allgemeinverständlich zu vereinfachen.
Aber nicht nur die Journalisten und Vulkanberichterstatter müssen sich Kritik gefallen lassen, denn auch Vulkanologen und Behörden sind nicht frei von Fehlern! Oft gibt es nur unzureichende Kommunikation mit den Journalisten und diese werden meistens vom Ort des Geschehens ausgesperrt. Journalisten und Fotografen, die von der Lavafront berichten, sind für gewöhnlich im Umgang mit gefährlichen Situationen geübt und sicherlich nicht weniger qualifiziert, sich in Sperrgebieten zu bewegen, als die Sicherheitskräfte, die sie draußen halten sollen. Tatsächlich habe ich es mehr als einmal erlebt, dass professionelle Vulkanfotografen wie Verbrecher am Vulkan gejagt werden, anstatt dass ihnen Zugang und Unterstützung gewährt werden! Von Pressestellen und Informationszentren an Vulkanen ganz zu schweigen! Wen wundert es da, dass vermehrt auf KI-generierte Bilder zurückgegriffen wird? Die Öffentlichkeit erwartet vielfach nicht nur, mit wissenschaftlichen Fakten informiert zu werden, sondern bedarf auch deren allgemeinverständlicher Aufarbeitung und weiterer Erklärungen zum Geschehen.
Von Seiten der Forscher werden aus Angst vor Fehlalarmen und späteren Klagen praktisch keine Prognosen getroffen und vielfach werden in sich anbahnenden Krisensituationen die Bälle so flach gehalten, dass sich die Bevölkerung schlecht informiert fühlt und so auf unseriöse Quellen ausweicht. Schließlich sollte man sich trauen, mündige Bürger auch über mögliche Worst-Case-Szenarien zu informieren, anstatt diese auszuschließen und zu beschwichtigen.
Letztendlich kann es nur im Interesse aller Beteiligten sein, einen möglichst detaillierten Informationsfluss aufrechtzuerhalten und abseits von Schreckensszenarien die Begeisterung für den Vulkanismus zu fördern. Dazu gehört auch eine offene und interessant gestaltete Kommunikation mit Journalisten als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Allgemeinbevölkerung.
(Quelle: Krippner, J. B. et al. (2026): Getting the story straight: common misconceptions around volcanoes and eruptions with case studies of recent events. Journal of Applied Volcanology 15, 12. DOI: 10.1186/s13617-026-00168-5.)