Campi Flegrei: 4,60 m Bodenhebung seit 1950

Erdbebentätigkeit der Campi Flegrei nimmt wieder zu – 4,60 m Bodenhebung seit Beginn des Bradyseismos

Nach einigen ruhigeren Tagen hat die Erdbebentätigkeit in den Campi Flegrei wieder angezogen. Seit dem 6. September wurden im Bereich der Caldera 17 schwache Erdbeben registriert. Besonders aktiv war der Abend des 7. September: Innerhalb von rund 40 Minuten ereigneten sich mehrere Beben, darunter ein Ereignis der Magnitude Md 1,7 in 2,6 Kilometern Tiefe sowie ein Beben Md 1,4 in 2,7 Kilometern Tiefe. Am 8. September folgten weitere Erschütterungen, darunter ein Beben Md 1,6 in 1,5 Kilometern Tiefe. Am 9. September wurden zwei weitere Beben der Magnitude Md 0,3 registriert.



Campi Flegrei. © INGV

Die aktuelle Aktivität manifestierte sich im Rahmen der seit 2005 anhaltenden Bodenhebungsphase. Das am 8. September veröffentlichte Wochenbulletin des Vesuv-Observatoriums des INGV zeigt, dass sich die übergeordneten Trends nicht verändert haben. Zwischen dem 31. August und 6. September wurden 18 Erdbeben registriert, davon 13 mit Magnituden ab Md 0,0. Das stärkste erreichte Md 1,6. Gleichzeitig hebt sich der Boden im Bereich der stärksten Deformation seit Anfang Februar mit durchschnittlich 10 Millimetern pro Monat.

An der GNSS-Station RITE in Pozzuoli summiert sich die korrigierte Bodenhebung seit Januar 2025 inzwischen auf etwa 31 Zentimeter. Der starke Erdbebenschwarm vom 31. Juli mit einem Beben der Magnitude 4,7 verursachte zwar messbare coseismische Sprünge in den Messreihen, änderte den langfristigen Trend der Bodenhebung jedoch nicht wesentlich. Mit „coseismisch“ ist gemeint, dass ein Sprung bzw. ein schlagartiger Bodenversatz parallel zum Erdbeben stattfand.

Wie groß die Dimensionen des Bradyseismus sind, wurde am Dienstag bei Anhörungen im italienischen Parlament deutlich. Der Vulkanologe und ehemalige Direktor des Osservatorio Vesuviano, Mauro Antonio Di Vito, erklärte, dass sich das Gebiet der Campi Flegrei seit 1950 insgesamt um 4,60 Meter gehoben habe, obwohl es zwischen den Hebungsphasen auch Senkungsphasen gab. Die Folgen seien besonders entlang der Küste sichtbar. Durch die langfristige Hebung hat sich das Verhältnis zwischen Land und Meer verändert; unter anderem kam es zu einem deutlichen Zurückweichen der Küstenlinie, was sich negativ auf den Hafen von Pozzuoli auswirkt, da das Wasser relativ gesehen immer flacher wird und große Schiffe kaum noch anlegen können. Di Vito betonte zudem, dass die Erdbeben nahezu ausschließlich mit der Bodenhebung zusammenhängen.

Die geophysikalische Entwicklung der Caldera und insbesondere das letzte starke Erdbeben vom 31. Juli hat eine politische Debatte über eine Sondergesetzgebung für die Campi Flegrei ausgelöst. Nach dem schweren Erdbeben fordern Kommunen und Bevölkerung dauerhafte Regelungen für Gebäudesicherheit, Evakuierungen, Entschädigungen und den Katastrophenschutz. Der Präsident der Region Kampanien, Roberto Fico, sprach sich ausdrücklich für ein spezielles Gesetz aus. Auch Innenminister Matteo Piantedosi erklärte, eine dauerhafte gesetzliche Regelung zur besonderen Situation der Campi Flegrei sei vorstellbar.

Bei einer Demonstration in Pozzuoli forderten Bürger zudem einen formellen Notstand und verlässliche langfristige Finanzmittel. Infolge der Krise sind inzwischen ca. 4000 Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben worden, da sie unbewohnbar wurden. Die regionale Politik drängt darauf, das derzeitige Notstandsdekret bei seiner Umwandlung in ein Gesetz deutlich zu erweitern. Vorgeschlagen wurden unter anderem Hilfen für beschädigte Gebäude, Unternehmen und Mieter sowie erleichterte Verfahren für Sicherungsmaßnahmen.

Dass sich die durch die Bodenhebungskrise verursachten Probleme in den Campi Flegrei von selbst auflösen, ist relativ unwahrscheinlich: Die geochemischen und geophysikalischen Messgrößen folgen den langjährigen Trends der Druck- und Temperaturbeaufschlagung des magmatischen und hydrothermalen Systems des Calderavulkans. Weitere Erdbeben mit Zerstörungspotenzial sind wahrscheinlich und langfristig betrachtet könnte es zu einem Vulkanausbruch kommen. Politische Lösungen sind daher zwingend erforderlich.

(Quellen: INGV, Fanpage.it, FB: „Quelli della zona rossa del vulcano Campi Flegrei“ )

Campi Flegrei: Politische Debatten während Krise anhält

Bodenhebung der Campi Flegrei hält an und könnte sich beschleunigt haben – Politiker diskutieren Hilfen für Tausende Betroffene

Obwohl aus seismischer Sicht die letzten Tage in den Campi Flegrei vergleichsweise ruhig verliefen, hält die Bodenhebung weiter an. Den aktuellen Rohdaten zufolge deutet sich sogar eine Beschleunigung der Hebung an. Währenddessen wächst nicht nur der Druck im Untergrund des Vulkans, sondern auch der politische: Betroffene diskutierten mit Innenminister Matteo Piantedosi, der einen finanziellen Zuschuss für die Evakuierten in Aussicht stellt.



Das aktuelle Wochenbulletin des Vesuv-Observatoriums für den Zeitraum vom 24. bis 30. August 2026 führt eine vergleichsweise geringe Erdbebentätigkeit auf. Insgesamt wurden 16 Erdstöße registriert, von denen 13 lokalisiert werden konnten. Die stärksten Ereignisse erreichten eine Magnitude von 1,8 und ereigneten sich in 2,8 bis 3,0 Kilometern Tiefe.

Bodenhebung. © INGV

Die Forscher attestieren dem Vulkan eine konstant anhaltende Bodenhebung mit einer Rate von durchschnittlich etwa 10 ± 3 Millimetern pro Monat. An der GNSS-Station RITE in Pozzuoli summiert sich die Hebung seit Januar 2025 inzwischen auf 31 Zentimeter, wenn die durch das starke Erdbeben vom 31. Juli verursachte sprunghafte Abschiebung herausgerechnet wird. Nach Korrektur der Daten zeigen sich laut INGV bislang keine wesentlichen Veränderungen des Deformationsmusters infolge des Bebens und des anschließenden Erdbebenschwarms. Betrachtet man die bisher unkorrigierten Daten, die im Messgramm blau eingezeichnet sind, könnte sich allerdings eine Beschleunigung der Bodenhebung abzeichnen.

Die geochemischen Messungen entsprechen weiterhin einem Trend zunehmender Erwärmung bei steigenden Entgasungen und Erhöhung des Drucks im Untergrund. Die CO₂-Emissionen bei Pisciarelli zeigen kurzfristig keine Veränderung, folgen aber dem langfristigen Aufwärtstrend. Die Temperatur der Fumarole Bocca Gramne in der Solfatara lag zuletzt bei durchschnittlich 173 °C. Auch hier gibt es einen langfristig steigenden Trend.

Neben dem Druck im magmatischen System der Caldera wächst auch jener auf die Politik, um die Folgen der Bodenhebnungsphase dauerhaft zu bewältigen. Nach Angaben italienischer Medien sind derzeit ca. 4.000 Menschen von ihren Wohnungen ausgeschlossen bzw. mussten aufgrund von Gebäudeschäden evakuiert werden. Wer nicht bei Familie oder Bekannten untergekommen ist, lebt nun dauerhaft in Hotels. Im Rahmen eines Treffens mit Innenminister Matteo Piantedosi wurde deshalb ein Maßnahmenpaket für die Rückkehr der Betroffenen diskutiert. Vorgesehen ist unter anderem ein pauschaler Zuschuss von bis zu 30.000 Euro für Gebäude mit leichten Schäden, damit notwendige Reparaturen schnell durchgeführt werden können. Zudem sollen Verwaltungsverfahren beschleunigt und unter bestimmten Voraussetzungen Reparaturen an gemeinschaftlichen Gebäudeteilen trotz kleiner, nicht sicherheitsrelevanter baurechtlicher Abweichungen ermöglicht werden. Bisher trauen sich viele Betroffene nicht, Hilfsanträge zu stellen, da nicht genehmigte bauliche Veränderungen an den Häusern unternommen wurden.

Piantedosi zeigte sich außerdem offen für ein Sondergesetz für die Campi Flegrei, das die Region dauerhaft und nicht nur im Rahmen wechselnder Notstandsregelungen unterstützen soll. Ziel wäre ein systematischer Ansatz für eine Situation, die durch die anhaltende Bodenhebung langfristig bestehen bleibt. Den Betroffenen ist zu wünschen, dass es nicht nur bei den üblichen leeren Versprechungen und Absichtserklärungen der Politiker bleibt.

Campi Flegrei: Zwei Erdbeben Md 1,8 am Freitag

Zwei Erdbeben der Magnitude 1,8 erschütterten Campi Flegrei am Freitag – Wochenbericht bestätigt lange anhaltende Trends

Nachdem es in den vergangenen Tagen im Bereich der süditalienischen Caladera Campi Flegrei aus seismischer Sicht relativ ruhig war, hat die Aktivität am Freitag, 28. August 2026, etwas zugenommen. Nach Angaben de s INGV und einer Meldung der Kommune Pozzuoli ereignete sich um 14:16 Uhr Ortszeit (12:16 UTC) ein Erdbeben der Magnitude Md 1,8. Das Hypozentrum lag in 2,82 Kilometern Tiefe im Bereich des Monte Spina. Bewohner in der Nähe des Epizentrums berichteten zudem von einen Knall gehört zu haben, der durch das Erdbeben ausgelöst worden sein soll. Bereits am Morgen hatte es im Westen des Golfs von Pozzuoli einen vergleichbaren Erdstoß gegeben, der sein Hypozentrum in 3 Kilometern Tiefe hatte. Die Erdbeben lagen somit in Tiefen im Grenzbereich zwischen dem Hydrothermalsystem und dem Calderadeckel und könnten mit Rissbildung im Gestein einhergegangen sein.



Campi Flegrei. © INGV

Die heutigen Erdstöße erreichten Stärken, die über dem Magnitudenmaximum der vergangenen Wochen liegt, was man dem am 25. August veröffentlichten Wochenbulletin für den Beobachtungszeitraum 17. bis 23. August entnehmen kann. In diesen sieben Tagen wurden insgesamt 37 Erdbeben mit Md ≥ 0,0 lokalisiert. Das stärkste Ereignis erreichte nur eine Magnitude Md 1,2. Besonders auffällig war allerdings ein kleiner Schwarm, der am 21. August um 21:13 UTC unter der Solfatara einsetzte. Er umfasste 15 Beben mit Magnituden zwischen 0,0 und 1,1.

Die seismische Entwicklung steht dabei im Zusammenhang mit der weiterhin aktiven Bodenhebungsphase der Caldera, die bereits im Jahr 2005 einsetzte und gemeinhin als Bradyseismos bezeichnet wird. Seit Anfang Februar 2026 beläuft sich die Bodenhebungsgeschwindigkeit im Bereich der stärksten Deformation auf etwa 10 ± 3 Millimetern pro Monat. Aus der gezeigten Grafik wurde der Versatz des starken Erdbebens Md 4,7 herausgerechnet, was die anhaltende Bodenverformung besser visualisiert. Wie groß der Versatz durch das Erdbeben genau war ist noch Forschungsgegenstand. An der GNSS-Station RITE in Pozzuoli summiert sich die Hebung seit Januar 2025 auf 30,5 Zentimeter.

Der Bericht zum Zustand des Hydrothermalsystems bestätigt die langjährigen Trends der Druck- und Temperaturbeaufschlagung des Systems. Die Fumarole BG (Bocca Grande) in der Solfatara erreichte zuletzt eine Durchschnittstemperatur von etwa 173 °C. Die Hauptfumarole des Thermalgebiets Pisciarelli war im Berichtszeitraum 95 Grad heiß und zeigte weiterhin erhöhte Kohlendioxid-Flüsse.

Politik fordert langfristige Lösungen

Obgleich sich die Wogen, die das Erdbeben vom 31. Juli schlug, inzwischen wieder etwas glätteten, zeigen sich große Teile der Bevölkerung der Campi Flegrei weiterhin besorgt, was die politischen Debatten am Leben hält. Allerdings lehnte der Regionalrat Kampaniens heute die Forderung nach einer sofortigen Ausrufung des Ausnahmezustands zunächst ab und verabschiedete stattdessen eine Resolution, die ein Sondergesetz für die Phlegräischen Felder verlangt.

Regionalpräsident Roberto Fico erklärte, ein Ausnahmezustand allein werde die dringendsten Probleme der betroffenen Bevölkerung nicht automatisch lösen. Gefordert werden unter anderem zusätzliche Hilfen für Menschen, die ihre Wohnungen verlassen mussten, die Aussetzung von Hypothekenzahlungen sowie finanzielle Unterstützung für Unternehmen. Auch die Erdbebensicherheit von Gebäuden und die personelle Ausstattung der betroffenen Kommunen sollen verbessert werden.

Die Resolution schließt einen späteren Ausnahmezustand allerdings nicht aus. Sollte sich das bestehende Maßnahmenpaket als unzureichend erweisen, sollen auch außergewöhnliche Maßnahmen geprüft werden. Im Endeffekt die gleichen wirkungslosen Versprechen, mit denen man die Bevölkerung seit der Eskalation der Situation in 2018 ständig abspeist. Sollte es zu einem noch stärkeren Erdbeben mit größeren Schäden oder sogar zu einem Vulkanausbruch kommen, bin ich mal gespannt, ob auch nur ein einziger Politiker die „Eier in der Hose“ hat, die politische Verantwortung zu übernehmen.

Campi Flegrei: Bodendeformationen infolge des Bebens Md 4,7

Bodenverformungen nach dem letzten starken Erdbeben – Fährverkehr am Hafen von Pozzuoli wird reorganisiert

Der Hafen von Pozzuoli, der Stadt in der Caldera der Campi Flegrei, bleibt auch fast 3 Wochen nach dem schweren Erdbeben vom 31. Juli ein Problem für den Verkehr zu den Inseln Ischia und Procida. Nach einer aktuellen Meldung von Cronaca Flegrea sollen die Fährverbindungen deshalb testweise neu organisiert werden. Hintergrund ist eine Sperrung für Schwerlastfahrzeuge, die nach dem Erdbeben aus Sicherheitsgründen verhängt wurde. Einige Verbindungen sollen nachts von Pozzuoli nach Neapel verlegt werden. Zudem soll eine konventionelle Fähre mit größerer Ladekapazität eine Schnellfähre auf der Verbindung Neapel–Ischia über Procida ersetzen.

Die Schwierigkeiten des Hafens stehen dabei in einem größeren Zusammenhang mit der seit Jahren anhaltenden Bodenhebungsphase der Campi Flegrei. Die Hebung des Untergrunds verändert die Höhenverhältnisse zwischen Kaianlagen, Schiffsdecks und Zufahrtsrampen und beeinflusst langfristig auch die Wassertiefen im Hafenbereich.

Bodendeformation: © INGV

Von besonderer Relevanz sind die neuen Daten des INGV-Wochenbulletins vom 18. August. Nach dem Erdbeben der Magnitude 4,7 vom 31. Juli registrierten die GNSS-Stationen im zentralen Calderabereich deutliche koseismische Bodenbewegungen. Der Untergrund verschob sich horizontal überwiegend um etwa 1 Zentimeter nach Südwesten. An der Station RITE bei Rione Terra wurde sogar eine Verschiebung von fast 3 Zentimetern in süd-südwestlicher Richtung gemessen. Gleichzeitig kam es zu einer kurzfristigen Absenkung von durchschnittlich 1–2 Zentimetern. Diese Absenkung ist in den Grafiken zur Bodendeformation mit den korrigierten Satellitenbahnen aber praktisch nicht mehr auszumachen. Optimisten unter den Beobachtern des Geschehens sahen in der Absenkung erneut Grund zur Hoffnung, dass das Beben eine Trendwende eingeläutet hätte, doch dem ist offenbar nicht so. Der Erdstoß stellte eine weitere Eskalation der Ereignisse dar, die bereits vor mehr als 20 Jahren ihren Anfang nahmen.

Diese sprunghaften Veränderungen überlagern die weiterhin bestehende langfristige Hebung. Seit Februar beträgt die mittlere Hebungsrate rund 10 ± 3 Millimeter pro Monat. An RITE summiert sich die Bodenhebung seit Januar 2025 inzwischen auf etwa 30,5 Zentimeter. Nach dem Erdbeben vom 31. Juli erkennt das INGV bislang allerdings keine signifikante Änderung der Deformationsmuster.

Hafen von Pozzuoli

Das Erdbeben hatte den Hafen unmittelbar beeinträchtigt. Nach ersten Untersuchungen wurden unter anderem Risse, Schäden und Setzungen an den Kaianlagen festgestellt. Die aktuelle Sperrung für schwere Fahrzeuge betrifft insbesondere die sichere Zufahrt zum Hafen. Ein Gebäude an dieser Zufahrtsstraße muss zudem gesichert werden.

Der Hafen spielt eine wichtige Rolle in den Plänen des Katastrophenschutzes für den (unwahrscheinlichen) Fall einer Evakuierung der Roten Zone Pozzuolis. Sollte dieser infolge starker Erdbeben vor einer denkbaren Evakuierung unbrauchbar werden, oder die Bodenhebung weitere 2 Dekaden anhalten, so dass das Wasser für größere Schiffe zu flach wird, hätte dies im Extremfall dramatische Folgen. Langfristiges Denken ist aber nicht unbedingt eine Stärke von Behörden und der Menschheit an sich.

Damit zeigt sich am Hafen von Pozzuoli exemplarisch, welche infrastrukturellen Folgen die Kombination aus anhaltender Bodenhebung und starken Erdbeben für die dicht besiedelte Caldera besitzt. Zwar sieht das INGV derzeit keine Hinweise auf eine unmittelbar bevorstehende wesentliche Veränderung der vulkanischen Aktivität, die Deformation und die damit verbundenen technischen Probleme bleiben jedoch bestehen.

Campi Flegrei: Schäden im Evakuierungsfall problematisch

Weitere stärkere Erdbeben in den Campi Flegrei möglich – Evakuierung problematisch

Die Erde unter den Campi Flegrei kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Erdbeben der Magnitude 4,7 vom 31. Juli, dem stärksten instrumentell registrierten Ereignis seit Beginn der aktuellen Bradyseismus-Krise, warnt Lucia Pappalardo, Direktorin des Osservatorio Vesuviano in Neapel, vor weiterer Seismizität. Auch stärkere Erdbeben könnten auftreten. Wann und mit welcher Magnitude sie kommen, lässt sich allerdings nicht vorhersagen.

Der Hafen von Pozzuoli, © Marc Szeglat

Damit stellt sich für die rund um Pozzuoli lebenden Menschen eine essentielle Frage: Wie gut wäre die Stadt im Ernstfall tatsächlich evakuierbar? Der nationale Katastrophenschutz sieht für den Fall einer vulkanischen Eskalation die Räumung der roten Zone vor: Eine halbe Million Menschen müssten innerhalb von 72 Stunden aus dem Gebiet gebracht werden. Doch bereits die jüngsten Erdbeben haben gezeigt, wie empfindlich die Infrastruktur reagiert. Nach dem Beben vom 31. Juli wurde der Hafen von Pozzuoli zeitweise geschlossen. Zudem sorgt aktuell die Galleria Monte Corvara zwischen Pozzuoli und Quarto für Aufmerksamkeit: Nach den jüngsten Erschütterungen wurde dort ein möglicherweise instabiler Felsblock oberhalb des Tunnels festgestellt. Sollte so ein Felsen bei einem Erdbeben auf die Straße stürzen, wäre der Fluchtweg blockiert.

Nicht besser sieht es mit dem Hafen aus, einem wichtigen Drehkreuz in Evakuierungsszenarien. Seit August sollen schwere Fahrzeuge mit mehr als 3,5 Tonnen, die zu den Inseln Ischia und Procida transportiert werden, von Neapel aus eingeschifft werden; leichtere Fahrzeuge können weiterhin Pozzuoli nutzen. Die Maßnahme zeigt, dass der Bradyseismus und seine Folgen inzwischen auch den normalen Hafenbetrieb beeinflussen. Zum einen sind die Kaimauern instabil geworden, zum anderen wird das Wasser durch die Hebung der Küste immer seichter, so dass große Schiffe kaum noch anlegen können. Da die Hebung weiter anhält, spitzt sich die Situation weiter zu, eine Lösung der Probleme ist nicht in Sicht.

Das aktuelle INGV-Wochenbulletin für den Zeitraum 3. bis 9. August registriert 39 Erdbeben, davon 22 mit Magnitude Md ≥ 0,0. Das stärkste erreichte Md 1,3. Gleichzeitig hält die Bodenhebung an: Seit Februar liegt die mittlere Hebungsrate im Bereich maximaler Deformation bei etwa 10 ± 3 Millimetern pro Monat. Daran änderte auch das starke Beben vom 31. Juli nichts. An der GNSS-Station RITE in Pozzuoli summiert sich die Hebung seit Januar 2025 auf rund 30 Zentimeter.

Auch die Geophysik folgt den bekannten Trends: Das INGV beschreibt weiterhin eine Erwärmung und Druckzunahme des hydrothermalen Systems sowie langfristig erhöhte Fluidflüsse. Die BG-Fumarole in der Solfatara erreichte zuletzt rund 173 °C, während die Temperatur der Hauptfumarole in Pisciarelli bei etwa 95 °C lag. Trotz der anhaltenden Unruhe sieht das Observatorium derzeit keine Anzeichen für eine signifikante kurzfristige Veränderung des vulkanischen Zustands.

Aus den Daten und Beobachtungen folgt, dass weitere, möglicherweise stärkere Erdbeben möglich sind – ihr Zeitpunkt und ihre Stärke sich aber nicht vorhersagen lassen. Im Falle einer Evakuierung ist ein schneller Erfolg nicht garantiert.

Campi Flegrei: Spürbares Erdbeben Md 3,0 am 10. August

Neuer Erdbebenschwarm erschüttert Campi Flegre – vorläufige Schadensbilanz nach schwerem Beben vom 31. Juli

In der süditalienischen Caldera Campi Flegrei gab es nach einigen ruhigen Tagen mit wenigen Erdbeben heute Nacht erneut einen Erdbebenschwarm. Seit Beginn um 00:27 UTC (02:27 Uhr Ortszeit) wurden 18 Erschütterungen detektiert. Die stärkste hatte eine Magnitude Md 3,0 und wurde im gesamten Stadtgebiet von Pozzuoli gespürt. Das Hypozentrum lag in gut 3.600 Metern Tiefe bei Arco Felice zwischen Monte Nuovo und der Solfatara. Die Tiefe des Hypozentrums liegt unterhalb des eigentlichen Hydrothermalsystems und stand vermutlich mit Bruchmechanismen im Deckgestein der Caldera im Zusammenhang.



Erdbebenkarte © INGV

Der neue Schwarm ereignet sich nur wenige Tage nach dem schweren Md-4,7-Erdbeben vom 31. Juli. Das Beben war das stärkste in den Messaufzeichnungen der Campi Flegrei und verursachte insbesondere im Raum Pozzuoli vergleichsweise große Schäden. Nach einem am 6. August veröffentlichten Zwischenbericht konnten etwa 1.700 Menschen nicht in ihre Wohnungen zurückkehren. 691 Wohnhäuser waren als unbewohnbar eingestuft worden. In Pozzuoli waren 1.652 Menschen untergebracht worden, darunter 1.514 in Ferienunterkünften, 78 in Hotels und 60 im Palatrincone. Weitere Betroffene gab es in Bacoli und Monte di Procida. 37 Feuerwehrteams führten zu diesem Zeitpunkt noch Gebäudeüberprüfungen durch. Zudem waren vier Schulen in Pozzuoli schwer betroffen und insgesamt 17 Kirchen als unbewohnbar eingestuft worden. Zudem wurde ein Tunnel der Cumana-Eisenbahnlinie beschädigt. Ein zweiter Tunnel ist seit Wochen aufgrund extrem hoher Kohlendioxidwerte gesperrt. Die letzten Messungen bestätigten eine CO₂-Konzentration von 7 Vol. % in der Luft, was unter Umständen bereits tödlich wirken kann.

Der neue Schwarm sorgt auch deshalb für Aufmerksamkeit, weil in den vergangenen Tagen intensiv darüber diskutiert wurde, ob das Md-4,7-Beben eine überraschende Entwicklung darstellte. Der Seismologe Aldo Zollo erklärte in einem aktuellen Interview, Erdbeben dieser Größenordnung seien wissenschaftlich bereits untersucht und als mögliche Entwicklung des Systems berücksichtigt worden. Gemeint ist damit allerdings keine konkrete Vorhersage des Bebens vom 31. Juli. Vielmehr hatten Untersuchungen gezeigt, dass mit zunehmender Bodenhebung und dem damit verbundenen Spannungsaufbau auch stärkere Erdbeben möglich werden. Studien zeigten, dass Beben mit Magnituden von etwa 5,2 erwartet werden müssen, sollte die aktuelle Hebungsphase anhalten.

Interessant ist die neuerliche historische Aufarbeitung des Geschehens. Entgegen der landläufigen Annahme, den Bradyseismus habe es in den letzten Jahrhunderten ständig in wechselnden Phasen gegeben, zeigen Studienarbeiten, unter anderem von De Natale, dass dem nicht so war. Vor der Eruption des Monte Nuovo hatte es eine mehrere Jahrzehnte dauernde Hebungsphase gegeben, die nach der Eruption von 1538 in eine etwa 400 Jahre dauernde Senkung überging. Ob es zwischendurch Phasen mit einer Trendumkehr gegeben hat, lässt sich heute nicht mehr sagen. Dennoch resultierten vor der Eruption eine Hebung und danach eine Senkung.

Einen Regimewechsel setzte etwa 1950 ein, als es zu ersten Bodenhebungen kam, die sich ab 1970 verstärkten und von ersten Erdbeben begleitet wurden. Seitdem gab es mehrere Hebungs- und Senkungsphasen. Dabei steht einer summierten Hebung von etwa 5,7 m eine Senkung von ca. 0,94 m gegenüber. Netto hob sich der Boden also seit 1950 um gut 4,8 m, wobei utnerschiedliche Zahlen im Umlauf sind, weswegen man die hier genannten Werte als Näherungen betrachten sollte. Kein Wunder also, dass Bausubstanz und Menschen unter der Dauerkrise leiden.

Campi Flegrei: Menschen in Sorge vor dem nächsten Erdbeben

Geophysikalische Parameter der Campi Flegrei folgen nach Erdbeben bekannten Trends – Anwohner in großer Sorge

Gestern schrieb ich über die Proteste der Menschen in Pozzuoli, die von der Regierung bessere Unterstützung fordern, und darüber, dass offenbar nicht alle im Kommunalhaushalt zur Verfügung stehenden Mittel abgerufen wurden, die zur Stabilisierung jener Felswände vorgesehen waren, die beim Erdbeben Md 4,7 am 31. Juli kollabierten und Felsstürze verursachten. Besonders betroffen war eine steil abfallende Felswand am Monte Olibano oberhalb der Via Gerolomini, wo tonnenschwere Felsbrocken Fahrzeuge wie Getränkedosen zerquetschten. Ein in den sozialen Medien veröffentlichtes Foto zeigt nun, dass aus einem der Felssturzblöcke der abgerissene Stahlanker einer Befestigung ragt, die bereits vor Jahren installiert worden war.

Felsanker

Offenbar konnte die Befestigung den Fels nicht in ausreichendem Maße stabilisieren. Dies könnte entweder auf Fehleinschätzungen der Ingenieurgeologen hindeuten, die damals für das Setzen der Felsanker verantwortlich waren, oder darauf zurückzuführen sein, dass das Gestein durch andauernde Hebung und Erdbeben langfristig geschwächt wurde.

Schaut man sich die Lage der kollabierten Felswand auf Satellitenfotos an, erkennt man, dass sie sich in unmittelbarer Nähe zur Einfahrt in den Eisenbahntunnel der Cumana-Linie befindet, der bei dem Beben ebenfalls beschädigt wurde. Das spricht dafür, dass der Monte Olibano besonders instabil ist oder in überdurchschnittlichem Maße von den Erschütterungen getroffen wurde.

Die Via Gerolomini ist eine Parallelstraße zur bekannteren und hangaufwärts gelegenen Via San Gennaro Agnano, die am Eingang zum Solfatara-Krater vorbeiführt. Das Epizentrum des Bebens lag unter dem nördlichen Rand des Solfatara-Kraters. Dieser ist eigentlich ein Maar, wobei Maaren nachgesagt wird, sie seien monogenetisch und würden nur einmal in ihrer Geschichte eruptieren. Auf dem Solfatara-Krater scheint das nicht zuzutreffen, denn nach der phreatomagmatischen Eruption, die vor ca. 4000 Jahren zu seiner Bildung führte, gab es im Jahr 1198 eine weitere phreatische Explosion. Zudem liegt hier das Zentrum der aktuellen hydrothermalen Aktivität der Campi Flegrei.

Zu Beginn der Krise fürchteten sich die Bewohner der Caldera am meisten vor einem sich möglicherweise zusammenbrauenden Vulkanausbruch, der ihr Hab und Gut, aber auch ihr Leben gefährden könnte. Nun legen sie sich jede Nacht mit dem Gefühl der Angst schlafen, von einem noch stärkeren Erdbeben überrascht zu werden, das die teilweise stark geschwächten Häuser über ihnen zusammenstürzen lässt. Die Menschen fordern von den Verantwortlichen seit Jahren mehr Unterstützung, doch diese bleibt weitestgehend aus.

Der aktuelle INGV-Wochenbericht für den Beobachtungszeitraum vom 27. Juli bis 2. August 2026 bestätigt den langjährigen Trend der Druckbeaufschlagung des magmatischen Hydrothermalsystems des Vulkans und veröffentlicht die Erdbebenstatistik zum Schwarm, die im Wesentlichen die bereits von mir veröffentlichten Auswertungen bestätigt: Insgesamt ereigneten sich in dieser Woche 456 Erschütterungen. 245 Erdbeben hatten eine Magnitude größer als Md 0,0. Der stärkste Erdstoß war das bekannte Beben Md 4,7.

Die Geschwindigkeit der Bodenhebung wird weiterhin mit 10 mm pro Monat angegeben. Die Vulkanologen betonen, dass es vor dem Erdbeben keine Auffälligkeiten gegeben habe und die Deformation seit Jahresbeginn weitgehend konstant verlief. Im Zuge des Schwarmbebens kam es jedoch zu einigen Variationen, die noch ausgewertet werden müssen.

Zeitreihe der Bodendeformation in den Campi Flegrei. © INGV

Betrachtet man den Graphen zur Bodenhebung, stellt man fest, dass es zwei Wochen vor dem Erdbeben eine Deflation gab, über die ich bereits berichtet hatte. Damals meinte ich, man müsse noch Korrekturwerte abwarten, um zu sehen, ob sich diese Bodensenkung bestätigen würde. Kurz vor dem Erdbeben gab es einen schnellen Anstieg der Messreihe bis auf Werte, die dem seit Monaten üblichen Trend folgten. Nach dem Erdbeben fielen die (vorläufigen) Werte genauso schnell ab, wie sie zuvor angestiegen waren.

Bei einigen der anderen stärkeren Erdbeben konnte man Tage vor den Erschütterungen ebenfalls einen Rückgang der Hebegeschwindigkeit beobachten. Hier könnte sich ein mögliches Warnsignal andeuten, das meiner Meinung nach weitere Untersuchungen wert ist.

Campi Flegrei: Tausende protestierten nach Erdbeben

Nach Erdbeben Md 4,7 in den Campi Flegrei: Angst, Wut und Proteste erschüttern Pozzuoli

Vier Tage nach dem Erdbeben der Magnitude 4,7 kommt die Region der Campi Flegrei nicht zur Ruhe, was allerdings weniger tektonisch als menschlich begründet ist. Während Einsatzkräfte weiterhin beschädigte Gebäude überprüfen und zahlreiche Familien noch immer nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können, wächst unter den Einwohnern von Pozzuoli die Wut über das – in ihren und in meinen Augen – schlechte Krisenmanagement. Am Dienstag entlud sich diese Unzufriedenheit in einem Protestmarsch, an dem mehr als tausend Menschen teilnahmen. Die Demonstranten zogen bis zum Hafen von Pozzuoli, wo sie den Fährverkehr blockierten. Sie forderten ein entschlosseneres Eingreifen des Staates und verlangten, dass Vertreter der Bürger an den Beratungen der Präfektur beteiligt werden.



Proteste im Hafen

Das Erdbeben vom 31. Juli war das stärkste, das die Region bislang erschütterte. Die Erschütterungen stehen mit der anhaltenden Bodenhebungsphase des Calderavulkans Campi Flegrei im Zusammenhang und selbst wenn Wissenschaftler keinen unmittelbar bevorstehenden Vulkanausbruch erkennen können, hat das Beben die Sorgen vieler Menschen verstärkt. Zahlreiche Gebäude wurden beschädigt, mehrere Dutzend Häuser als unbewohnbar eingestuft. Zirka 330 Bewohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Viele Betroffene beklagen lange Wartezeiten bei den Sicherheitsüberprüfungen sowie Unsicherheit darüber, wann sie in ihre Häuser zurückkehren können. Zeitgleich trauen sich viele Hausbesitzer vor Angst eines Totalverlustes ihres Wohneigentums überhaupt keine Überprüfungen zu beantragen.

Viele Anwohner fühlen sich seit Jahren mit den Risiken des offiziell als Bradyseismos bezeichneten Phänomens allein gelassen. Sie kritisieren schleppende Hilfsmaßnahmen und fehlende Vorsorge für eine Region, die von anhaltenden Bodenhebungen, Erdbeben und gesundheitsschädlichem Gasausstoß betroffen ist. Viele Bewohner der Region sind überzeugt, dass der Zustand ihrer Häuser schlecht ist: Die seit Jahren anhaltende Krise schwächt die Bausubstanz, die oft bereits mehrere Jahrhunderte alt ist, zusehends. Die Menschen sind überzeugt: Eines Tages kommt ein noch stärkeres Erdbeben, das ihre Häuser zu Todesfallen werden lässt.

Felssturz

Zusätzlichen Zündstoff liefert nun eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft Neapel. Die Ermittler gehen Hinweisen nach, dass dringend notwendige Sicherungsarbeiten an den Steilhängen von Pozzuoli über Jahre verschleppt wurden. Nach italienischen Medienberichten standen für die Stabilisierung gefährdeter Felswände elf Millionen Euro bereit, die aber offenbar nicht eingesetzt wurden. Ausgerechnet nach dem jüngsten Erdbeben kam es an mehreren Hängen zu Felsabbrüchen, bei denen Gesteinsmassen auf Straßen stürzten und Fahrzeuge zerquetschten. Es war reines Glück, dass dabei keine Menschen getötet wurden.

Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, könnte dies die ohnehin angespannte Stimmung weiter aufheizen. Für viele Einwohner wäre dies der Beleg, dass bekannte Gefahren trotz vorhandener Finanzmittel nicht rechtzeitig entschärft wurden. Die Justiz will nun klären, ob bürokratische Verzögerungen oder Versäumnisse dafür verantwortlich sind.

Bereits gestern kam es zu Protesten vor dem Amphitheater von Pozzuoli, das vom Minister für Kultur, Giuli, besucht wurde. Doch er stellte sich den Fragen der aufgebrachten Bürger nicht.

Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen, dass die Krise in den Campi Flegrei längst nicht mehr nur eine geologische ist. Neben den anhaltenden Erdbeben, Bodenhebungen und Gasaustritten rücken nun – wie nach jedem der Erdbeben mit Magnituden ab 4 – Fragen nach politischer Verantwortung, Katastrophenvorsorge und dem Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen in den Mittelpunkt. Doch eine Lösung der Probleme zeichnet sich ein weiteres Mal nicht ab. Und so bleibt der Bradyseismos eine schleichende Naturkatastrophe, die in einem gewaltigen Desaster mit Ansage enden könnte. Die zur Problemlösung Verantwortlichen machen das, was sie immer machen: Bürger vertrösten, Verantwortung delegieren und abwarten, in der Hoffnung, dass sich die Probleme von selbst lösen.

Campi Flegrei: Diskussionen um die Sicherheit

Schwarmbeben in den Campi Flegrei umfasst inzwischen 440 Erdbeben und entfacht erneute Diskussionen um die Sicherheit – weitere Schäden im Eisenbahntunnel entdeckt

Das starke Erdbeben der Magnitude 4,7, das die süditalienische Caldera Campi Flegrei am Abend des 31. Juli erschütterte, markiert den bisherigen Höhepunkt einer seismovulkanischen Krise, die bereits im Jahr 2005 begann. Sie eskalierte in zwei klar erkennbaren Phasen in 2018 und 2023. Seit Beginn der jüngsten Phase traten erstmals Erdbeben mit Magnituden im Viererbereich auf, die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur verursachten. Bereits im Juni vergangenen Jahres wurden Schäden an einer der beiden Bahnstrecken bekannt, die den Golf von Pozzuoli mit Neapel verbinden und den Monte Olibano zwischen Küste und Solfatara in zwei voneinander getrennten Tunneln durchqueren. Heute wurde berichtet, dass durch den jüngsten Erdstoß weitere Schäden festgestellt wurden.

Bahnlinien

Besonders prekär ist die Situation, weil der nördliche der beiden Tunnel, durch den die Metrolinie 2 verläuft, zwar keine baulichen Schäden aufweist, jedoch aufgrund extrem hoher Kohlendioxidkonzentrationen bereits Mitte Juni gesperrt wurde. Damit fiel eine der wichtigsten Schienenverbindungen nach Neapel aus. Die weiter südlich verlaufende Cumana-Linie, die nach dem Erdbeben im Juni 2025 bereits sieben Monate lang gesperrt gewesen war, übernahm anschließend einen Teil des Passagieraufkommens der Metrolinie 2. Nach dem jüngsten Erdbeben wurde jedoch auch ihr Tunnel vorsorglich geschlossen. Die anschließenden Untersuchungen enthüllten ein weiteres Mal Schäden, sodass die Strecke ersteinmal außer Betrieb bleibt. Damit sind derzeit beide wichtigen Bahnverbindungen zwischen Pozzuoli und Neapel unterbrochen.

Während der Tunnel der Metrolinie 2 (Galleria Monte Olibano) bereits 1920 errichtet wurde – also zu einer Zeit, als die Campi Flegrei keinen aktiven Bradyseismos aufwiesen –, entstand der Tunnel der Cumana-Linie entlang der Küste erst in den späten 1980er Jahren. Er wurde somit nach der Bradyseismos-Krise von 1982 bis 1984 fertiggestellt, die zur Evakuierung der Altstadt von Pozzuoli geführt hatte.

Beide Tunnel verlaufen durch die geologisch äußerst instabile Struktur des Monte Olibano, eines vulkanischen Körpers aus Tuffen, pyroklastischen Ablagerungen und domartigen Intrusionen. Die zahlreichen Felsstürze an den steilen Tuffhängen der Campi Flegrei infolge des jüngsten Erdbebens verdeutlichen die geringe Stabilität dieses Gemenges vulkanischer Gesteine.

Über bauliche Schäden an der Galleria Monte Olibano der Metrolinie 2 ist bislang nichts bekannt geworden. Das Problem der hohen Kohlendioxidkonzentrationen besteht jedoch weiterhin und verhindert eine Wiederaufnahme des Betriebs.

Eine gute Nachricht gibt es dennoch aus Pozzuoli: Die Schäden am Kai des Fährhafens fielen offenbar geringer aus als zunächst befürchtet. Der Fährverkehr zu den Inseln konnte inzwischen wieder aufgenommen werden.

Erdbeben© INGV

Diese positive Entwicklung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, vor welch enormen Herausforderungen die Campi Flegrei stehen. Das größte Problem besteht darin, dass Erdbeben nach wie vor nicht vorhersagbar sind. Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass jederzeit Erdbeben im niedrigen Fünfer-Magnitudenbereich auftreten könnten. Der Unterschied zwischen einem Erdbeben der Magnitude 4,7 und einem der Magnitude 5,2 ist dabei wesentlich größer, als die Differenz von lediglich 0,5 Magnitudeneinheiten vermuten lässt. Aufgrund der logarithmischen Magnitudenskala würde ein Erdbeben der Magnitude 5,2 etwa fünf- bis sechsmal mehr Energie freisetzen als das jüngste Beben. Gleichzeitig wären die Bodenbewegungen mehr als dreimal so stark, sodass deutlich schwerere Schäden zu erwarten wären. Hinzu kommt, dass die Tiefe des Hypozentrums, die Bruchmechanik der betrroffenen Störung und die Beschaffung des Untergrundes mit beeinflussen, wie stark sich ein Erdbeben an der Oberfläche auswirkt. Das kann bei gleicher Magnitude zu unterschiedlichen Bodenbeschleunigung führen und damit zu stark voneinander abweichenden Kräften, die auf Gebäude einwirken.

Berücksichtigt man zudem, dass die anhaltende Bodenhebung und Tausende schwächerer Erdbeben – alleine der aktuelle Schwarm besteht aus mehr als 440 Erschütterungen – die Bausubstanz bereits seit Jahren kontinuierlich schwächen, könnten selbst nur geringfügig stärkere Erschütterungen katastrophale Folgen haben.

Hinzu kommt die latente Gefahr eines Vulkanausbruchs sowie die schwierige Frage, ab welchem Grad der Vorwarnzeichen eine Evakuierung eingeleitet werden sollte. Um Fehlalarme zu vermeiden, dürfte diese Schwelle vergleichsweise hoch angesetzt sein. Die Hoffnung der Vulkanologen besteht darin, einen sich anbahnenden Ausbruch wewnigstens drei Tage im Voraus zu erkennen.

Derzeit lässt sich allerdings weder sagen, ob es in absehbarer Zeit zu einem Vulkanausbruch kommen wird, noch wie groß ein solcher ausfallen könnte. Fest steht lediglich, dass sich in Tiefen von mehr als acht Kilometern eine größere Magmaansammlung befindet. Unklar bleibt, wie schnell Magma von dort in flachere Bereiche aufsteigen kann.

Angesichts der schwer kalkulierbaren Entwicklung wird erneut intensiv über die Sicherheit in den Campi Flegrei und die Frage diskutiert, wann die Alarmstufe Orange ausgerufen werden sollte. Die Direktorin des INGV Neapel, Lucia Pappalardo, stellte in einem Fernsehinterview klar, dass die Vulkanwarnstufe vorerst auf Gelb bleibt und der Vulkan weiterhin engmaschig überwacht wird.