Vulkan-Studie: Wie viele Fehlalarme sind gesellschaftlich vertretbar?

Wie viele Fehlalarme sind gesellschaftlich und wirtschaftlich akzeptabel, wenn dadurch das Risiko eines übersehenen Ausbruchs deutlich sinkt?

Eine Ende August in Nature Communications veröffentlichte Studie stellt einen interessanten neuen Ansatz für Vulkanüberwachung und Risikoanalyse vor. Alberto Ardid und Kollegen untersuchten die Ausbrüche von fünf Vulkanen, um die Grundsatzfrage zu beantworten, wie viele Fehlalarme gesellschaftlich und wirtschaftlich akzeptabel sind, wenn dadurch das Risiko eines nicht prognostizierten katastrophalen Ausbruchs deutlich sinkt. Eine wichtige Frage, die von Forschenden und Behörden auch an vielen anderen Vulkanen weltweit diskutiert wird, darunter auch in den Campi Flegrei, auf die sich die Studie allerdings nicht direkt bezieht. Eines der Probleme bei Fehlalarmen ist neben wirtschaftlichen Schäden, dass die Bevölkerung irgendwann nicht mehr auf Alarme hört, sollten mehrere Fehlalarme erfolgen. Diese Gefahr wird bei folgenden Betrachtungen ausgeblendet.

Die Forscher entwickelten einen neuen Bewertungsansatz für Risikoanalysen indem sie mit Hilfe von maschinellem Lernen Warnsignale eines Vulkans beobachteten und diese mit wirtschaftlichen Bewertung von Warnentscheidungen kombinierten. Grundlage für das maschinelle Lernen sind kontinuierliche seismische Daten, aus denen ein Modell Wahrscheinlichkeiten für bevorstehende Eruptionen ableitet. Anschließend wird nicht nur betrachtet, wie häufig das System bei den eruptionsvorhersagen richtig oder falsch liegt, sondern auch die möglichen Folgen berücksichtigt: Ein Fehlalarm kann Evakuierungen, Einschränkungen des Tourismus oder andere wirtschaftliche Schäden verursachen. Ein übersehener Ausbruch kann dagegen Menschenleben fordern und enorme Sachschäden verursachen.

Die Autoren verwenden dafür das Konzept des „Potential Economic Value“ (PEV). Ihre rückblickenden Untersuchungen, unter anderem der Eruptionen von White Island/ Whakaari 2019 und Ontake 2014, zeigen, dass sich die erwarteten Verluste in den untersuchten Fällen um etwa 30 bis 90 Prozent reduzieren ließen. Dafür musste das Warnsystem allerdings relativ viele Fehlalarme in Kauf nehmen. Die zentrale Erkenntnis lautet deshalb: Bei Vulkanen mit hohem Schadenspotenzial kann es sinnvoller sein, einen Fehlalarm zu akzeptieren, als einen tatsächlichen Ausbruch zu übersehen. Voraussetzung ist allerdings, dass die häufigeren Warnungen nicht das Vertrauen der Bevölkerung in das Warnsystem untergraben.

Die Studie bezieht sich ausdrücklich nicht auf Campi Flegrei. Ihr Ansatz lässt sich jedoch als Idee auf die Situation in der italienischen Caldera übertragen. Denn dort existiert mit Bayesian Event Tree for Eruption Forecasting (Bayesianischer Ereignisbaum für Eruptionsvorhersagen) oder kurz BET_EF bereits ein probabilistisches (auf Wahrscheinlichkeiten beruhendes) Vorhersagesystem. Es wurde speziell für Campi Flegrei entwickelt und verarbeitet unterschiedliche Informationen aus dem Vulkanmonitoring. Der Bayesian Event Tree verfolgt dabei vereinfacht den Weg von einer vulkanischen Unruhe über Hinweise auf magmatische Prozesse bis zum möglichen Ausbruch. Aus den einzelnen Wahrscheinlichkeiten wird eine Eruptionswahrscheinlichkeit berechnet.

Damit stellt sich eine interessante Frage: Könnte der Ansatz von Ardid und Kollegen eine zusätzliche Entscheidungsebene für BET_EF bilden?

BET_EF beantwortet im Wesentlichen die Frage: Wie wahrscheinlich ist eine Eruption? Die ökonomische Entscheidungsanalyse nach Ardid würde daran anschließend fragen: Welche Konsequenz sollte aus dieser Wahrscheinlichkeit gezogen werden?

Denkbar wäre beispielsweise ein System, das neben der Eruptionswahrscheinlichkeit auch die möglichen Folgen verschiedener Entscheidungen berücksichtigt. Bei einer geringen Wahrscheinlichkeit könnte eine verstärkte Überwachung ausreichend sein. Bei zunehmender Wahrscheinlichkeit könnten vorbereitende Maßnahmen ausgelöst werden. Dazu könnten etwa die Evakuierung besonders gefährdeter Einrichtungen, die Vorbereitung von Transportkapazitäten für Evakuierungen oder eine verstärkte Information der Bevölkerung gehören. Erst wenn der erwartete Schaden eines Nicht-Handelns die Kosten einer großflächigen Evakuierung übersteigt, wäre eine Räumung der roten Zone wirtschaftlich und gesellschaftlich betrachtet zu rechtfertigen. Dabei sollte man natürlich nicht der KI die Entscheidung überlassen, sondern einem Expertengremium.

Die 2025 aktualisierte italienische Alarmstruktur enthält bereits eine qualitative Verbindung zwischen Monitoring, Eruptionswahrscheinlichkeit und Maßnahmen der Behörden. Ein mehrstufiges Alarmsystem weist auf das Stadium des präeruptiven Zustands hin. Mit steigender Alarmstufe wird auch die erwartete Wahrscheinlichkeit einer Eruptionsentwicklung höher eingestuft und entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Dazu zählt auch die Bereitstellung von Geldern und großflächige Evakuierungen.

Der mögliche nächste Schritt wäre die Ergänzung von BET_EF: Ein erweitertes System könnte die prognostizierte Eruptionswahrscheinlichkeit mit Bevölkerungszahl, Evakuierungsdauer, wirtschaftlichen Schäden und der erwarteten Gefährdung verschiedener Gebiete verknüpfen.

Die entscheidende Frage wäre dann nicht mehr allein, wann eine Eruption wahrscheinlich wird, sondern wann es rationaler ist, eine möglicherweise unnötige Evakuierung auszulösen, als das Risiko eines übersehenen Ausbruchs einzugehen. Gerade wegen der enormen Bevölkerungsdichte könnte eine solche Verknüpfung von Eruptionsprognose und Schadensabwägung helfen, die schwierige Entscheidung zwischen Fehlalarm und zu später Reaktion transparenter und nachvollziehbarer zu machen.

Quelle der Ardid-Studie: Ardid, A., Dempsey, D., McDonald, G. & Cronin, S. (2026): Socio-economic value of data-driven eruption forecasts to balance false alarms against catastrophic loss. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-026-77242-4.

Originalarbeit zur BET_EF: Marzocchi, W., Sandri, L. & Selva, J. (2008): BET_EF: A probabilistic tool for long- and short-term eruption forecasting. Bulletin of Volcanology, 70, 623–632. DOI: 10.1007/s00445-007-0157-y.

Deutschland: Studie identifiziert vulkanische Risikozonen

Vulkane in Deutschland: Zone erhöhter Vulkanausbruchsgefahr identifiziert

Eine neue Studie des United States Geological Survey (USGS) wirft einen ungewöhnlichen Blick auf die vulkanische Zukunft Deutschlands. In dem Bericht „Forecasting volcanic activity in Germany—A multi-criteria approach“, veröffentlicht als Teil des USGS Professional Paper 1890, untersuchen Geoforscher erstmals systematisch, wo in Deutschland langfristig betrachtet Vulkanismus auftreten könnte. Langfristig bezieht sich auf den geologischen Zeitraum von 1 Millionen Jahre.

Deutschland gilt heute nicht als klassisches Vulkanland, obwohl in den letzten Monaten der Eifelvulkanismus in den Fokus des Interesses rückte, da hier, besonders im Gebiet des Laacher-See-Vulkans, Anzeichen tiefer magmatischer Aktivität registriert wurden. Der letzte Vulkanausbruch ist hier 12.900 Jahre her. Auch im Vogtland Westböhmens gibt es Anzeichen einer tiefen magmatischen Aktivität, die sich eines Tages bis zur Oberfläche durcharbeiten könnte. Darüber hinaus existieren in Deutschland mehrere Regionen, die auf eine vulkanische Vergangenheit zurückblicken können – etwa der Vogelsberg, der Kaiserstuhl oder der Hegau.

Deutschlandkarte
Deutschland

Die USGS-Studie versucht nicht, konkrete zukünftige Ausbrüche vorherzusagen. Stattdessen entwickelten die Forscher ein Modell, das Regionen mit erhöhtem magmatischen Potenzial identifiziert. Dazu kombinierten sie zahlreiche geowissenschaftliche Datensätze wie geologische Karten, seismische Messungen, tektonische Strukturen, Mantelanomalien sowie geochemische Hinweise wie Kohlendioxid-Austritte oder erhöhte Helium-Isotopenwerte.

Insgesamt flossen 20 verschiedene Parameter aus 15 Indikatoren in die Analyse ein. Das gesamte Gebiet Deutschlands wurde dafür in ein Raster von einem Quadratkilometer aufgeteilt. Für jedes Rasterfeld berechnete das Modell einen Index, der angibt, wie günstig die geologischen Bedingungen für zukünftige Magmenbildung oder Magmenaufstieg sind.

Das Ergebnis bestätigt zunächst bekannte vulkanische Regionen. Besonders hohe Werte erreicht die Vulkaneifel. Geophysikalische Studien zeigen dort Hinweise auf ungewöhnlich warmes Mantelmaterial und anhaltende Kohlendioxid-Emissionen. Auch Hebungsbewegungen der Erdoberfläche und eine erhöhte Erdbebenaktivität wurden in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet.

Neben der Eifel identifiziert das Modell weitere Gebiete mit erhöhtem magmatischen Potenzial. Dazu gehören das Siebengebirge am Rhein, Teile des Hunsrücks und des Taunus, die vulkanische Region des Vogelsberg sowie Abschnitte des Oberrheingrabens Auch im Grenzgebiet zu Tschechien rund um den Egergraben (Cheb-Becken) sehen die Forschenden geologische Hinweise auf tief sitzende magmatische Prozesse.

Die Zonen erhöhten Ausbruchsrisikos folgen in etwa dem Mittelgebirgsgürtel des Rheinischen Schiefergebirges und angrenzender Regionen der variskischen Orogenese und folgen auch den Zonen mit erhöhtem Erdbebenrisiko in Deutschland. Der Mittelgebirgsgürtel entstand vor 350–300 Millionen Jahren und bildete sich durch die Kollision der Ur-Kontinente Laurussia und Gondwana. Das Variskische Orogen war damals bis zu 5000 Meter hoch und übertraf damit sogar die Alpen. Die bei der Plattenkollision entstandene Schwächezone in der Erdkruste besteht noch heute und im Erdmantel entstanden Strukturen, die noch heute Magmenentstehung begünstigen.

Zu beachten gilt, dass der Index nur relative geologische Voraussetzungen und keine konkrete Ausbruchswahrscheinlichkeit beschreibt. Selbst in Regionen mit hohen Werten könnte es noch Tausende oder sogar Millionen Jahre dauern, bis es tatsächlich wieder zu einem Vulkanausbruch kommt

Für die Wissenschaft ist die Studie ein wichtiger Schritt. Sie zeigt, dass sich moderne Datensätze aus Geophysik, Geochemie und Tektonik kombinieren lassen, um langfristige vulkanische Potenziale auch in scheinbar ruhenden Kontinentregionen zu bewerten.

(Quelle: USGS (2026): Forecasting volcanic activity in Germany—A multi‑criteria approach. In: Professional Paper 1890, Kapitel C. United States Geological Survey. Online verfügbar: https://pubs.usgs.gov/pp/1890/c/pp1890C)

Vulkanausbruch könnte für Pestausbreitung verantwortlich sein

Wie ein rätselhafter Vulkanausbruch möglicherweise die Pest nach Europa brachte

Eine neue Studie internationaler Klimaforscher wirft ein überraschendes Licht auf den Ausbruch des Schwarzen Todes im 14. Jahrhundert. Lange galt die Pest – eine der tödlichsten Pandemien der Menschheitsgeschichte – vor allem als biologisches und soziales Ereignis. Die jetzt veröffentlichte Analyse zeigt jedoch: Am Anfang könnte eine großer Vulkanausbruch gestanden haben, der das Klima Europas dramatisch veränderte und eine folgenschwere Kettenreaktion auslöste.

Die Forscher Martin Bauch vom Leibniz‑Institut für Geschichte und Ulf Büntgen der University of Cambridge widmeten sich in ihrer Studie „Climate-driven changes in Mediterranean grain trade mitigated famine but introduced the Black Death to medieval Europe“ der Frage nach dem Ursprung der „Kleinen Eiszeit des Mittelalters“, die schon seit längerem im Verdacht steht, die Ausbreitung der Pest in Europa begünstigt zu haben.

Ausgangspunkt ihrer Studien ist eine deutliche Schwefeldioxid-Signatur in arktischen und antarktischen Eisbohrkernen, datiert auf etwa 1345. Solche Signale entstehen, wenn gewaltige Vulkane große Mengen Schwefel in die Stratosphäre schleudern. Laut den Autoren deutet die geochemische Verteilung darauf hin, dass die Eruption in den Tropen stattfand – der exakte Vulkan bleibt jedoch unbekannt. Die Folgen waren eindeutig: Die Atmosphäre trübte sich ein, die Sonneneinstrahlung sank, und in Südeuropa setzten mehrere Jahre ungewöhnlich kühler und feuchter Sommer ein.

Abkühlung

Diese Abkühlung fällt in die Frühphase der Kleinen Eiszeit, jener mehrere Jahrhunderte andauernden Klimaperiode, in der Europa regelmäßig von extremen Witterungslagen heimgesucht wurde. Um 1345 führten die abrupten Temperaturstürze zu massiven Ernteausfällen, besonders im Mittelmeerraum. Staaten wie Venedig und Genua standen plötzlich vor drohenden Hungersnöten – und reagierten mit einer stark intensivierten Einfuhr von Getreide aus dem Schwarzmeergebiet.

Was als Notmaßnahme gegen die Nahrungskrise gedacht war, eröffnete jedoch ungewollt einen neuen Transportweg für Krankheitserreger. Mit den Getreideladungen gelangten vermutlich auch flohbefallene Ratten an Bord der Handelsschiffe. Genau auf diesen Routen breitete sich wenige Jahre später die Pest rasend schnell aus und erreichte 1347 die Häfen des Mittelmeers. Von dort überrollte sie ganz Europa.

Die Studie verbindet damit die klimatischen Folgen einer großen Eruption, wirtschaftliche Zwänge und die pandemische Dynamik der Pest zu einer einzigen Ursache-Wirkungs-Kette. Sie zeigt, wie eng Klima, Handel und Seuchenausbreitung miteinander verwoben sein können – und wie ein nicht dokumentierter Ausbruch am anderen Ende der Welt der Geschichte eine neue Richtung geben könnte.

Nur 17 Jahre später als die Datierungen der Eisbohrkerne ergeben, brach auf Island der Öræfajökull aus und verursachte eine katastrophale Hungersnot auf Island.

(Quellenangabe: Bauch, M. & Büntgen, U. «Climate-driven changes in Mediterranean grain trade mitigated famine but introduced the Black Death to medieval Europe.» Communications Earth & Environment, Band 6, Artikel 986 (2025). DOI: 10.1038/s43247-025-02964-0, Lizenz der CC)

Kilauea: Eruptive Episode 36 dauerte 5 Stunden

Der 36. Vulkanausbruch in Folge endete am Kilauea nach nur 5 Stunden – eine der stärksten Eruptionen der Phase.

Lange ließ sie auf sich warten und umso schneller war sie wieder vorbei: Die 36. eruptive Episode am Kilauea endete nach nur fünf Stunden intensiver Aktivität am späten Sonntagnachmittag um 16:16 Uhr Hawaiizeit, als es in Europa bereits Montagnacht um 02:16 Uhr UTC war. Begonnen hatte der Ausbruch gegen 11:15 Uhr HST (21:15 Uhr UTC). Laut einem Bericht beim HVO war es eine der intensivsten Eruptionen des episodisch verlaufenden Vulkanausbruchs, der bereits am 23. Dezember 2024 begonnen hatte: Mit einer Förderrate von 500 Kubikmetern pro Sekunde wurden über 300 m hohe Lavafontänen gefördert, die den halben Boden des Halemaʻumaʻu-Kraters mit 8 bis 9 Millionen Kubikmetern Lava fluteten.

Dem Ausbruch voran gingen wieder mehrere Phasen mit Lavaspattering und Lavastromüberläufen aus den Schloten, so dass Beobachter mit einem baldigen Ausbruch rechneten. Die Eruption begann mit einem plötzlichen Anstieg des seismischen Tremors und einer raschen Bodensenkung am Gipfel – ein klares Anzeichen für den Magmenaufstieg. Nur Minuten später schossen aus den beiden Schloten am Kraterrand glühende Lavafontänen empor. Der nördliche Schlot stellte seine Aktivität gegen 15:35 Uhr ein, während der südliche noch etwa 40 Minuten weiter aktiv blieb, bevor auch er erlosch.

In der Pause seit der 35. Episode hatte sich die Vulkanflanke im Gipfelbereich gut 27 µrad versteilt. Nach dem Ende der Aktivität verzeichneten die Instrumente am Gipfelgebiet eine deutliche Entspannung: Der Uēkahuna-Neigungsmesser registrierte eine Deflation von gut 23 µrad. Damit wurde ein großer Teil des zuvor akkumulierten Magmas eruptiert.

Der Alarmstatus des Vulkans bleibt auf „Achtung/Orange“, da sich in den kommenden Tagen erneut Magma im System ansammeln dürfte und sich der Kilauea auf die nächste eruptive Episode vorbereitet.

Die jüngste Aktivität beschränkte sich vollständig auf den Krater Halemaʻumaʻu im Hawaii-Volcanoes-Nationalpark. Gefahren bestehen vor allem durch vulkanische Gase und feine Glasfasern, das sogenannte Pele’s Haar, die mit dem Wind über mehrere Kilometer verfrachtet werden können.

Während sich die Lavaflächen nun langsam abkühlen, beobachten Wissenschaftler und Besucher gleichermaßen gespannt, wann der Kīlauea zum nächsten Ausbruch ansetzt – Episode 37 dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

Campi Flegrei: Studie identifiziert 54000 Erdbeben mithilfe von KI

Neue Studie identifiziert 54.000 Erdbeben in den Campi Flegrei mithilfe von KI – Beben meistens tektonischen Ursprungs

Die seit 20 Jahren anhaltende und sich seit 2017 permanent steigernde Erdbebentätigkeit im Bereich der süditalienischen Caldera Campi Flegrei inspiriert zahlreiche Forscher zu Studien. So wurde jetzt im Magazin „Science“ die Studie eines internationalen Forscherteams veröffentlicht, das mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz in den seismischen Aufzeichnungen der letzten 3 Jahre 54.000 Erdbeben identifizieren konnte. Weit mehr als bisher bekannt waren. Die meisten Erdbeben sollen tektonischer Natur gewesen sein und nicht direkt mit dem Aufstieg von Magma zusammenhängen. Unterhalb von 4 Kilometern Tiefe wurde keine Erdbeben festgestellt.

Eine Ausnahme bilden laut der Studie, die von Forschern der Stanford University sowie der Universität Neapel Federico II und dem INGV durchgeführt wurde, hybride Erdbeben, die sich im Bereich des Mont Obliano manifestierten. Diese Erschütterungen würden direkt mit Fluidbewegungen zusammenhängen.

Ringförmig angeordnete Erdbeben

Mit Hilfe von KI-gestützten Verfahren wurde anhand der Erdbebenmuster ein ringförmiges Störungssystem um die Bodenhebungszone im Dach der Caldera identifiziert. An diesem Störungssystem ereignen sich laut der Forschergruppe die meisten tektonisch bedingten Erschütterungen. Solche ringförmigen Störungssysteme kennen wir auch von den Dachbereichen bzw. Füllungen anderer Calderen, u.a. vom Bardarbunga in Island.

Die Beben werden nach Meinung der Forscher also nicht direkt von aufsteigendem Magma verursacht. Hinweise auf eine Magmenmigration in Tiefen von weniger als 4 km wurden nicht gefunden.
Obwohl einige Forscher, Bürokraten und auch besorgte Bürger der Region diese Nachricht so interpretieren, als würde nun die Gefahr eines Vulkanausbruchs gebannt sein, gebe ich zu bedenken, dass die allermeisten Erdbeben in Vulkanregionen eben dadurch zustande kommen, dass sich magmatische Fluide entlang von Störungen und Schwächezonen bewegen und Druckerhöhungen diese zu Beben anregen. Was folgt, ist ein Erdbebensignal, das alle Merkmale eines tektonischen Erdbebens aufweist, letztendlich aber dennoch durch Druckanstieg im magmatischen Speicher- und Fördersystem des Vulkans ausgelöst wurde. Zudem hat bis jetzt auch keine andere Studie Magma in weniger als 4 km Tiefe nachweisen können. Tatsächlich würde Magma in so geringer Tiefe kurz vor der Eruption stehen.

Rein vulkanotektonische Erdbeben, bei denen aufsteigendes Magma Gestein bricht, manifestieren sich in geringen Tiefen nur dann, wenn das Magma final aufsteigt. Bei offenen Aufstiegswegen kommt es oft erst Stunden oder Minuten vor einer Eruption zu einer seismischen Krise vulkanotektonischen Ursprungs. Die neuen Erkenntnisse der Studie liefern keinen Grund zur Entwarnung, sondern sie sagen lediglich aus, dass ein Vulkanausbruch nicht unmittelbar bevorsteht. Mehr als 54.000 Erschütterungen innerhalb von 3 Jahren (2 Beben pro Stunde) sowie die Bodenhebung sind alarmierende Anzeichen dafür, dass es im Untergrund einen starken Druckaufbau gibt. (Quelle der Studie: https://www.science.org/doi/10.1126/science.adw9038)

Island: Länge der aktiven Eruptionsspalte verkürzte sich

Vulkanausbruch bei Sudhnúkur auf Island hält an – Aktiver Teil der Eruptionsspalte kürzer

Reykjavik, 17.07.2025 – Der Vulkanausbruch auf Island geht weiter, hat sich aber seit der Hochphase gestern Vormittag abgeschwächt. Während die Gesamtlänge der aktiven Eruptionsspalte gestern Vormittag fast 3000 m betrug, ist sie jetzt nur noch wenige hundert Meter lang. Die genaue Größe lässt sich aufgrund des dichten Nebels nicht abschätzen. Auf einer Livecam konnte man heute Morgen einen Blick auf ein relativ kurzes aktives Teilstück der Spalte erhaschen, die sich nordöstlich von Stóra Skógfell befindet.

Die Seismizität und der Tremor sind weiterhin stark rückläufig und halten sich an bekannte Muster, wie wir sie bei den meisten vorherigen Eruptionen auch gesehen haben. Die Gefahr, dass sich die Eruption wieder verstärkt und ausdehnt, ist gering, aber nicht gleich null.

Erste Daten von IMO zeugen davon, dass sich das neu entstandene Lavafeld bis gestern Mittag auf 3,2 Quadratkilometer ausgedehnt hatte. Die Lava fließt überwiegend in Richtung Osten, wo sie Senken im Gelände auffüllt. Die Region ist nicht bebaut und Infrastruktur ist zurzeit nicht gefährdet. Die Eruptionsspalte drang so weit in Richtung Norden vor, wie es bei noch keiner der vorangegangenen Eruptionen seit November 2023 der Fall gewesen war. Damit folgt die Spalte der Spur des Ganges, der sich beim Ereignis im April gebildet hat, und nähert sich weiter dem Highway zwischen Keflavik und Reykjavik an. Die Reykjanesbraut ist eine der wichtigsten Verkehrsadern Islands und das Küstengebiet nördlich der Straße ist besiedelt. Sollte der Lavastrom einer der nächsten Eruptionen die Straße unterbrechen, dann hat man ernste Schwierigkeiten. Mich würde es nicht wundern, wenn bald neue Diskussionen um den Bau eines weiteren Flughafens in der Nähe von Reykjavik entbrenne würden, auf dem auch größere Jets landen können. Vermutlich wäre es aber weise, so einen Flughafen nicht im Norden von Reykjanes zu bauen, sondern lieber östlich von Reykjavik.

Für das Eruptionsgebiet gilt die höchste Gefahrenwarnstufe. Während der Badebetrieb der Blauen Lagune heute weitergeht, ist der Zugang nach Grindavik für Touristen gesperrt. Urlauber, die den dortigen Campingplatz nutzen wollen, dürften enttäuscht sein. In der Stadt haben sich scheinbar einige Risse gebildet, die bereits verfüllt werden.

Lewotobi Laki-Laki: Flugausfälle durch starken Vulkanausbruch

Starker Vulkanausbruch am Lewotobi Laki-Laki – Vulkanasche in fast 20 Kilometern Höhe verursacht Flugausfälle

Maumere, 07.07.2025 – Auf Flores in Indonesien kam es heute um 11:05 Uhr (WITA) erneut zu einer sehr starken Explosion am Vulkan Lewotobi Laki-Laki, bei der Vulkanasche bis auf eine Höhe von fast 20 Kilometern gefördert wurde. Außerdem entstand ein breiter pyroklastischer Strom, der über die Südflanke des Vulkans floss. Aufgrund der hoch aufgestiegenen Aschewolke kam es zu Störungen im Flugverkehr. Der VONA-Alarmstatus steht auf „Rot“.

Die Angabe zur Höhe der Aschewolke stammt vom VSI und wurde aufgrund von Einschätzungen von Beobachtern am Boden vorgenommen. Sie betrug 19.584 m über dem Meeresspiegel. Die Nettohöhe der Eruptionswolke belief sich demnach auf 18.000 m über Kraterhöhe. Das VAAC Darwin meldete hingegen, dass die Satelliten Vulkanasche in knapp 15.000 m Höhe detektiert hätten.

Zum zweiten Mal innerhalb von 4 Wochen kam es zu Flugausfällen, von denen nicht nur tief fliegende Regionalflieger betroffen waren, sondern vor allem auch der internationale Flugverkehr zwischen Bali und Australien. So berichtete etwa die Fluggesellschaft Virgin Australia, dass drei Flüge von Bali Richtung Australien gestrichen wurden. Einzelheiten über das Ausmaß der Flugausfälle anderer Airlines liegen noch nicht vor.

Obwohl bei der Eruption auch ein großer pyroklastischer Strom entstand, kamen offenbar keine Menschen zu Schaden. Der Zugang zum Vulkan ist verboten und es gibt eine Sperrzone mit einem Radius von 6 Kilometern um den Krater des Leweotobi Laki-Laki.

Der Lewotobi Laki-Laki bildet zusammen mit dem Lewotobi Permubutan ein Doppelvulkansystem. Der Laki-Laki ist seit fast 2 Jahren wieder aktiv und erzeugt neben vielen kleinen Eruptionen auch gelegentlich starke Explosionen, wie es heute der Fall gewesen ist. Doch nicht jede Eruption verläuft glimpflich: Eine Eruption am 4. November 2024 tötete mindestens 10 Menschen, als infolge der Eruption mehrere Häuser in einem Dorf am Fuß des Vulkans Feuer fingen.

Der aktuelle Ausbruch kam diesmal vergleichsweise überraschend, da die Seismizität nur unmittelbar vor der Explosion leicht anstieg. Das VSI registrierte nur 13 vulkanotektonische Erdbeben, 4 Erschütterungen mit niedrigen Frequenzen und 8 Phasen nicht-harmonischen Tremors. Eine seismische Krise wie vor den anderen Eruptionen blieb aus. Das macht die Situation für Anwohner und Vulkanspotter unberechenbar und gefährlich.

Die letzte starke Eruption ereignete sich erst am 17. Juni. Auch damals kam es zu Flugausfällen.

Kirishima: Vulkanausbruch am Shinmoe-dake verstärkte sich

 

Verstärkung der eruptiven Aktivität am Shinmoe-dake in Japan – mehrere VONA-Warnungen ausgegeben

Kagoshima, 28.06.2025 – Die Aktivität am Krater Shinmoe des Kirishima-Vulkankomplexes hat heute deutlich zugenommen. Das VAAC Tokio veröffentlichte heute 5 VONA-Warnungen über Aschewolken, die bis auf eine Höhe von 3000 m aufgestiegen sind und den Flugverkehr gefährden könnten. Die Vorhersagemodelle zur Ascheausbreitung zeigen, dass sich die Asche zuerst in Richtung Süden ausbreitet, bevor sie nach Westen in die Breite geht.

Aufnahmen dokumentieren die Eruptionen und zeigen eine vergleichsweise dichte Aschewolke, die kontinuierlich von mehreren Schloten entlang eines Risses am Rand des Lavadoms ausgestoßen wird. Ob der Lavadom selbst aktiv geworden ist, lässt sich anhand der Bilder nicht ableiten, aber an mehreren Stellen steigt Dampf auf. Es ist im Bereich des Möglichen, dass sich eine stärkere Eruptionsphase zusammenbraut, so wie sie zuletzt 2017 und 2018 auftraten.

Den Daten vom JMA ist zu entnehmen, dass der Vulkanausbruch gestern (27. Juni) gegen 10:25 Uhr (Lokalzeit) begann und auch heute am Samstag weiterhin anhielt. Die Eruptionswolke erreichte dabei eine Höhe von bis zu 1.200 Metern über dem Kraterrand. Außer Vulkanasche werden auch große Mengen vulkanischer Gase freigesetzt, wobei bei Feldmessungen eine Schwefeldioxidemission von mehr als 4000 Tonnen am Tag festgestellt wurde – fast doppelt so viel, wie am 26. Juni gemessen wurde.

Die Zahl vulkanischer Erdbeben mit Epizentrum direkt unter dem Shinmoe-dake nimmt seit Ende Oktober 2024 zu. Auch in den letzten 24 Stunden blieb die seismische Aktivität auf hohem Niveau. Zusätzlich wurde seit etwa 4:00 Uhr heute früh vulkanischer Tremor registriert.

Am Aussichtspunkt Takachihogawara (rund 3 km südöstlich des Kraters) wurde zwischen dem 23. und 25. Juni eine Bodenhebung nachgewiesen. Wie groß sie ist, wurde nicht kommuniziert.

Kontinuierliche GNSS-Beobachtungen zeigen zudem seit März 2025 eine leichte Dehnung einer Basislinie im Bereich des Kirishima-Massivs – ein möglicher Hinweis auf eine Magmenansammlung in der Tiefe.

Der Alarmstatus steht weiterhin auf „3“ und es gibt eine 3-Kilometer-Sperrzone um den Shinoe-dake („dake“ bedeutet übrigens „Krater“). Es kann zum Auswurf großer vulkanischer Gesteinsbrocken und der Entstehung pyroklastischer Ströme kommen.

Kirishima eruptiert 2 Mal

Weitere Eruptionen am Kirishima – 2 VONA-Warnungen veröffentlicht

Kagoshima, 26.06.2025 – Der Krater Shinmoe des japanischen Vulkankomplexes Kirishima eruptierte heute Nacht 2 Mal und löste VONA-Warnungen vor Aschewolken aus. Während es bei der ersten Eruption gegen 0:13 Uhr UTC nur eine Meldung ohne Höhenangabe der Aschewolke gab, berichtete die zweite Warnung um 04:32 Uhr UTC von Vulkanasche, die in 2400 m Höhe Richtung Osten driftete.

Der Shinmoe-dake. © Marc Szeglat

Das JMA bestätigte die Eruptionen. Laut einer Mitteilung des lokalen Observatoriums der Stadt Takaharu kam es gegen 7:58 Uhr Ortszeit zu Aschefall, was auf einen Ausbruch des Shinmoe-dake hinweist. Aufgrund dichter Bewölkung hatten die Überwachungskameras keine Sicht auf den Krater und konnten auch kein Bild der Aschewolke liefern.

Die Infraschalldetektoren konnten auch keine Druckwelle registrieren, so dass es vor dem Ascheregen keine Anzeichen einer Eruption gab. Allerdings lag die Anzahl vulkanischer Erdbeben in den 24 Stunden zuvor bei über 300, was auf eine anhaltend hohe Aktivität hinwies.

Aufgrund der gesteigerten Aktivität bleibt die erst kürzlich verhängte Alarmstufe 3 bestehen. Es gibt Zugangsbeschränkungen zum Shinmoe-dake, da große vulkanische Gesteinsbrocken bis zu 3 Kilometer vom Krater geschleudert werden können. Zudem besteht die Gefahr, dass pyroklastische Ströme generiert werden.

Eruptionen können sich auch in größeren Entfernungen auswirken: Besonders auf der windabgewandten Seite ist mit Aschefall sowie mit feinen Schlackenpartikeln zu rechnen, die über weite Strecken verfrachtet werden können. Anwohner der betroffenen Gegenden werden aufgefordert, im Falle von Ascheniederschlag in Gebäuden zu verweilen oder im Freien Atemschutzmasken zu tragen.

Wie bei früheren Eruptionen ist es möglich, dass durch starke Druckwellen Fensterscheiben zerbersten. In solchen Fällen droht Verletzungsgefahr durch herumfliegende Glasscherben, die u.a. schwerste Gesichtsverletzungen verursachen könnten.