Campi Flegrei: 272 Erdbeben in einer Woche

Statistik zur Campi Flegrei zeigt 272 Erdbeben innerhalb einer Woche – Bodendeformation mit plötzlichem Abfall

Obwohl es in den letzten 2 Tagen vergleichsweise wenige Erdbeben unter den Phlegräischen Feldern gab, gibt es hier heute ein Update zum süditalienischen Calderavulkan, denn das INGV veröffentlichte sein Bulletin für den Beobachtungszeitraum vom 20. bis 26. Mai 2024. In dieser Woche manifestierte sich das stärkste Erdbeben, das seit der instrumentalen Erfassung der Seismizität dort registriert wurde. Es hatte eine Magnitude von 4,4 und erschütterte nicht nur den Boden, sondern auch das Gemüt der Bewohner der Caldera. Zudem entfaltete das Beben eine überproportionale mediale Wirkung, deren reißerische Schlagzeilen von einem „brodelnden Supervulkan der kurz vor einem Ausbruch steht“ kaum noch ertragen sind.

Neben dem Erdbeben registrierte das INGV 271 weitere Erschütterungen, die sich überwiegend auf 3 Schwärme verteilten. Zwei der Schwärme streuten ihre Erdbeben über einen größeren Bereich, doch auch immer gab es Erdbeben in der Solfatara. Auf diesen Krater konzentrierte sich der Dritte Schwarm. Neben dem starken Beben – das realistisch betrachtet gerade einmal als mittelstark eingestuft werden muss – beobachteten die Vulkanologen vom INGV, dass es unmittelbar nach dem Schwarm vom 20.-21.05.24 eine Absenkung des Bodens um ca. 1 cm gab. Anschließend kehrte die Bodenhebung wieder auf die Werte zurück, die seit Mitte April gemessen wurden und eine Bodenhebung von 20 mm pro Monat nahelegen.

Die Forscher betonen, dass die vermeintliche Subsidenz des Untergrunds erst noch durch die Verwendung anderer Programme bestätigt werden muss, denn der tatsächliche Wert der Bodendeformationen lässt sich immer erst mit 14 Tagen Verzögerung genau berechnen, wenn entsprechende Korrekturwerte vorhanden sind, die einflussnehmende Effekte auf GNNS-Messungen herausrechnen können. Generell erscheint eine plötzliche Absenkung des Bodens infolge eines Erdbebens ohne eine Eruption unwahrscheinlich. Es sei denn, es hätte sich an anderer Stelle ein magmatischer Gang gebildet, der bis jetzt unentdeckt blieb.

Letzte Woche hatte ich gemutmaßt, dass es zu einer Beschleunigung der Hebungsrate gekommen sei. Wir werden sehen, wie die Wissenschaftler die Bodendeformation bewerten, nachdem alle Korrekturwerte zur Verfügung stehen.

Kilauea: Neuer Ausbruchsmechanismus von Explosionen entdeckt

Studie enthüllt neuen Mechanismus hinter explosiven Eruptionen am Vulkan Kilauea im Jahr 2018

Die Leilani-Eruption am Kīlauea auf Hawaii war der stärkste Ausbruch dort seit Jahrzehnten: Lavaströme ergossen sich aus Spalten nahe der Küste und zerstörten Tausende Häuser in der Siedlung Leilani, bevor sie sich ins Meer ergossen. Doch der Ausbruch hatte auch eine explosive Komponente, die periodisch Aschewolken aus dem Halema’uma’u-Krater aufsteigen ließ, die eine Höhe von bis zu 8 Kilometern erreichten. Den Explosionen gingen Erdbeben voraus, die oft eine Magnitude im Viererbereich aufwiesen. Ein internationales Forscherteam der University of Oregon (UO) in Zusammenarbeit mit der Sichuan University in China entschlüsselte nun den Mechanismus, der hinter zwölf dieser Explosionen stand. Demnach wurden die Explosionen nicht von einem der bekannten Auslöser explosiver Eruptionen verursacht, die entweder durch Dampfexplosionen oder durch magmatische Entgasungen entstehen, sondern gingen mit dem plötzlichen Druckanstieg infolge des Kollapses eines Magmenreservoirs einher. Diese Erkenntnisse wurden in einem Artikel in Nature Geoscience veröffentlicht.

Josh Crozier, ein Doktorand der UO, erklärte in einer Pressemeldung der Universität, dass herkömmliche explosive Vulkanausbrüche hauptsächlich durch aufsteigendes Magma oder verdampftes Grundwasser ausgelöst werden. Die Kīlauea-Eruptionen passten jedoch nicht in dieses Schema, da das eruptive Material wenig frisches Magma enthielt und kein nennenswertes Grundwasser beteiligt war.

Die Analyse zeigte, dass vor jeder Explosion Magma langsam aus einem unterirdischen Reservoir abfloss. Dieses Magma speiste die Lavaströme, die an der Ostflanke des Vulkans austraten und Leilani zerstörten. Als das Reservoir leer war, kollabierte der Kraterboden des Halema’uma’u, was zu einem raschen Druckanstieg im Reservoir führte. Das komprimierte Gas schoss durch eine 600 Meter lange Röhre vom Reservoir bis zum Schlot des Halema’uma’u-Kraters, fragmentierte das Magma und bereits erkaltete Lava und trieb die so entstandene Vulkanasche durch den Schlot nach oben und verursachte die Eruptionen. Dieser Prozess ähnelt einem Stampfraketenspielzeug, bei dem ein Druck auf einen Airbag ein Projektil in die Luft schleudert.

Obwohl dieser spezifische Mechanismus neu beschrieben wurde, ist es wahrscheinlich, dass er auch bei anderen Eruptionen vorkommt. Die Studie konnte geophysikalische Beobachtungen mit atmosphärischen Eigenschaften der Vulkanfahne verknüpfen, was selten ist und neue Möglichkeiten bietet, Eruptionen zu beobachten und Sensordaten mit Computersimulationen zu kombinieren.

Tatsächlich konnte ich zusammen mit Martin Rietze die Leilani-Eruption dokumentieren und erlebte auch eine der beschriebenen Ascheeruptionen aus dem Halema’uma’u-Krater mit. Natürlich war der Nationalpark gesperrt, doch wir schafften es bis zu einem Golfplatz in Sichtweite des Kraters vorzudringen, als dann auch eine Explosion kam. In unserer FB-Community wurde über das Zustandekommen dieser regelmäßig erfolgenden Eruptionen diskutiert und auch über einen Zusammenhang mit den kurz vorher stattfindenden Erdbeben spekuliert. Dabei wurde auch über Kollapsereignisse als Motor der Eruptionen gesprochen. Infolge der Ausbrüche erweiterte und vertiefte sich der Gipfelkrater enorm. Erst in den letzten Jahren füllte die Lavaseeaktivität den Krater weitestgehend wieder auf. (Quellen: Nature Geoscience, 2024, https://www.nature.com/articles/s41561-024-01442-0 ; Universität Oregon)

Stromboli: Mehrere Erdbeben detektiert

Auf Stromboli ereigneten sich 4 schwache Erdbeben – Explosionsdruck ist sehr hoch

Datum: 26.05.2024 | Zeit: 19:46:11 UTC | Lokation: 38.78 ; 15.21 | Tiefe: 3,08 km | Mb 1,5

Wie das INGV gestern meldete, kam es am Inselvulkan Stromboli zu einem weiteren kleinen Lavaüberlauf. Er begann gegen 9:45 UTC mit Lavaspattering aus dem Schlot BN1 und steigerte sich um 11:00 UTC weiter. Der Lavastrom war einige hundert Meter lang und von seiner Front gingen Schuttlawinen ab.

Doch der Lavaüberlauf ist nicht der eigentliche Grund für diesen Artikel, denn diesen liefern vier schwache Erdbeben, die sich am Sonntag auf dem Vulkan ereigneten. An anderen Vulkanen wäre das keine Meldung wert, doch auf Stromboli sind solche Erdbeben selten und gehen für gewöhnlich einer Aktivitätssteigerung voran. Bei gleich vier Erdbeben könnte es eine signifikante Steigerung bis hin zu Paroxysmen oder sogar einer Flankeneruption geben. Vulkanwanderer sollten in den nächsten Tagen also besondere Vorsicht walten lassen. Von einer heimlichen Gipfelstürmerei rate ich abzusehen.

Das stärkste Erdbeben hatte eine Magnitude von Mb 1,5 und wurde in einer Tiefe von 3 Kilometern lokalisiert. Das Epizentrum lag unter der Südflanke des Strombolis, genauer, 1.8 km östlich von Ginostra. Zwei weitere Beben mit den Magnituden 1,1 und 1 manifestierten sich in dieser Gegend. Das vierte Beben brachte es nur auf Mb 0,5 und lag unter der Sciara del Fuoco im Norden des Strombolis.

Gestern gab es nicht nur den beschriebenen Lavaüberlauf, sondern auch eine Steigerung der Explosivität. Zwar nahm die Anzahl der Eruptionen seit meinem letzten Update zum Stromboli ab und lag bei 168 Explosionen am Tag, dafür steigerte sich der akustische Explosionsdruck auf sehr hohe Werte und erreichte in der Spitze 2,06 Bar. Das ist doppelt so hoch wie in normalen Zeiten, wenn der akustische Druck bei Werten kleiner als 1 Bar liegt. Die Tremoramplitude hat auch hohe Werte angenommen und die Anzahl der VLP-Erdbeben ist ebenfalls erhöht.



Neues Video vom Stromboli zeigt Lavaspattering aus Hornito

Gerade veröffentlichte das INGV auch ein neues Video, dass Lavaspattering aus dem neuen Hornito zeigt, der in den letzten Monaten am Nordrand des Kraters gewachsen ist. Seine Höhe wird auf gut 20 Meter geschätzt. Sollte es zu einem Paroxysmus kommen, könnte dieser Hornito kollabieren.

Alles in allem ist Stromboli in den letzten Tagen ungewöhnlich munter und die Anzeichen sprechen dafür, dass sich die Aktivität weiter erhöhen wird.

Der Ätna, den man an klaren Tagen vom Stromboli aus sehen kann, ist in den vergangenen Tagen auch seismisch wieder etwas munterer geworden. Die Shakemap des INGVs zeigt gut 2 Dutzend schwacher Erschütterungen an, die sich über den Vulkan verteilen.